Mission Bell
#LOG 6

Log Entry - 14.10.1991

Position 53.74394° N, 0.34025° W

Kingston Upon Hull - Vereinigtes Königreich

Weather: Typically British - rainy and windy

Altitude: 5m

LOG 6 – Mission Bell

Nach meiner Grundausbildung bei der Marine auf Sylt wurde ich zur Fregatte Karlsruhe (F212) nach Wilhelmshaven versetzt. Die Monate auf Sylt waren unbeschwert, geprägt von Sonne, Wasser und Strandpartys. Der Alltag eines jungen Wehrpflichtigen eben. Doch mit der Versetzung begann ein völlig neuer Abschnitt meines Lebens.

Die erste Begegnung mit meinem neuen Schiff werde ich nie vergessen. Die Fregatte lag im Marinearsenal. Dichter Nebel hing über dem Hafen und verschluckte fast alles. Zunächst war nichts zu erkennen. Dann zeichnete sich langsam der Bug ab, gefolgt von dem Oto-Melara-Geschützturm und den gewaltigen Brücken Aufbauten. Meter für Meter schälte sich das Schiff aus dem Grau, als würde ein riesiger Schatten Gestalt annehmen. Bis dahin hatte ich, als Schwabe, Kriegsschiffe nur auf Fotos oder aus der Ferne gesehen. Nun stand ich vor einem 130 Meter langen Schiff mit einer von Besatzung über 200 Mann, das jetzt für ein Jahr mein zweites Zuhause sein sollte. Seine Größe, seine Kraft und seine Eleganz beeindruckten mich zutiefst. In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal bewusst, was es bedeutete, zur Deutschen Marine zu gehören. Es war das stille Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, einer Gemeinschaft mit Tradition, Verantwortung und einer Geschichte, die weit vor meiner Zeit begonnen hatte.
Damals konnte ich nicht ahnen, dass mich genau dieses Schiff schon wenige Tage später auf eine Reise mitnehmen würde, und mich zu
einem Teil der tieferen Geschichte der deutschen Marine machen würde.

Oktober 1991, meine erste Große Fahrt.  Wir waren auf dem Weg von Wilhelmshaven nach Kingston upon Hull. Kein gewöhnliches Manöver, sondern eine Fahrt mit einer Mission. Wir sollten die alte Schiffsglocke jenes Kleinen Kreuzers Karlsruhe entgegennehmen, dessen Namen unsere Fregatte trug. Ein Namensvetter aus einer anderen Zeit, versenkt kurz nach dem ersten Weltkrieg, lange bevor mein Vater geboren wurde.
Die Nordsee zeigte mir an diesem Tag, was sie unter Seegang versteht. Ein schwerer Herbststurm, Sturmstärke 10, sagten sie im Kommandostand, und ich, der jüngste Matrose auf der Brücke, stand auf der Backbord-Nock, klatschnass, der Gischt und dem peitschenden Wind ausgeliefert. In den Händen hielt ich fest meine kleine Kamera, um das Spektakel festzuhalten: Wellenberge türmten sich vor dem Bug auf wie graue Hauswände. Immer wieder stemmte sich die Fregatte gegen die See, nur um im nächsten Augenblick tief in ein Wellental einzutauchen. Der Bug verschwand für Sekunden vollständig in den Wassermassen, bevor sich das Schiff schäumend wieder emporarbeitete. Ein paar Monate zuvor hatte unser Schwesterschiff die Bremen in einem ähnlichen Sturm seinen Geschützturm verloren, weggerissen von einem einzigen Brecher. Sie musste danach Stavanger anlaufen, um sich dort einen Betonklotz an die Stelle des verlorenen Turms setzen zu lassen, damit das Schiff wieder austariert war. Das war sehr peinlich. Diese Geschichte stand an diesem Tag unausgesprochen mit auf der Brücke. Bei Stürmen steuert man nicht mehr geradeaus, man verhandelt mit jeder Welle. Oberste Regel: Nie quer zur See liegen, sonst droht das Schicksal der Bremen. Also fuhr man den Seegang schräg an, in einem Winkel von etwa 45 Grad, so dass der Bug die Wucht brach statt
sie seitlich einzustecken. Kurze Kommandos, knappe Blicke, und alle auf der Brücke hielten sich instinktiv fest, wenn sich die nächste graue Wand am Horizont aufbaute. Abends liefen wir wohlbehalten und vollständig in Hull zur Glockenübergabe ein.

Um zu verstehen, was diese Glocke bedeutete, muss ich siebzig Jahre in die Vergangenheit zurückgehen bis in den Juni 1919. Der Erste Weltkrieg war vorbei, der Waffenstillstand unterzeichnet, aber der endgültige Friedensvertrag noch nicht. Die deutsche Hochseeflotte, entwaffnet und nur mit Notbesatzungen bemannt, lag interniert in Scapa Flow, jener weiten, von den Orkney-Inseln umschlossenen Bucht im Norden Schottlands. Zehn Linienschiffe, fünf Große Kreuzer, fünf Kleine Kreuzer, fünfundvierzig Torpedoboote, eine ganze Flotte, gefangen in einer Bucht, bewacht von den Briten, wartend auf ihr Schicksal, das andere über sie entscheiden würden. Konteradmiral Ludwig von Reuter,
der die internierten Schiffe befehligte, wollte genau das nicht zulassen, dass der Feind über die Flotte bestimmte. Am 21. Juni 1919, kurz vor elf Uhr, gab er den Befehl zur Selbstversenkung. Auf allen Schiffen zugleich öffneten die letzten deutschen Besatzungen die Flutventile, schlugen uns sprengten die Bordwände auf, und ließen ihre eigenen Schiffe auf den Grund der Bucht sinken. Lieber sollten sie vom Meer verschlungen werden, als als Kriegsbeute unter fremder Flagge weiterzufahren. Insgesamt versanken 52 deutsche Kriegsschiffe. Es war, in den Worten mancher, die dabei waren, keine Niederlage, sondern der letzte Befehl, den sie noch selbst geben konnten. Der Kleine Kreuzer Karlsruhe sank an jenem Nachmittag gegen kurz vor sechzehn Uhr als eines der letzten Schiffe. Sein Wrack wurde, anders als viele andere, nie gehoben. Es liegt bis heute auf dem Grund von Scapa Flow. 
Ich habe hierzu einen kleinen Song mit Suno geschrieben und ein KI Video dazu erstellt, und die Schiffe zum Leben erweckt.


Mehr als siebzig Jahre später fanden britische Taucher die alte Schiffsglocke im Wrack und bargen sie. Und statt sie in einem Museum verschwinden zu lassen, entschied man sich, sie dorthin zurückzugeben, wohin sie gehörte: An eine deutsche Marine, an ein Schiff, das ihren Namen weitertrug. So kam es zu jener Übergabezeremonie in Kingston upon Hull, zu der wir mit der Fregatte übers aufgewühlte Meer fuhren. Ich erinnere mich an einen kalten, windigen Kai, an britische Marine- und Luftwaffenoffiziere der Royal Navy und Air Force in Ausgehuniform, die mit einer Feierlichkeit auftraten, die mich überraschte, an unsere eigenen Offiziere, aufgereiht, ernst, an Ehrengäste, deren Namen ich als junger Matrose nicht kannte und die mir doch mit ihrer Anwesenheit klarmachten, dass es hier um etwas Größeres ging als ein Stück Bronze. Es gab Reden, es gab Salut, es gab diesen eigentümlichen Moment, in dem zwei Nationen, die einander zweimal im Jahrhundert die Kehle hatten durchschneiden wollen, sich gegenseitig etwas zurückgaben, das eigentlich nur Erinnerung war und trotzdem mehr wog als jede Waffe. 

Ich war damals ein junger Matrose, der gerade seinen Wehrdienst ableistete. Geschichte hatte für mich bis dahin hauptsächlich zwischen zwei Buchdeckeln stattgefunden. Doch an diesem Tag lag sie plötzlich vor mir. Als sich die Gelegenheit ergab, legte ich meine Hand auf die Glocke. Sie war kalt,  angelaufenes Metall,  von siebzig Jahren auf dem Meeresgrund gezeichnet. Und in diesem Moment, die Hand auf diesem Ding, das älter war als meine Großeltern, wurde mir bewusst, dass genau diese Glocke einst über das Deck eines Schiffes geklungen hatte, auf dem junge Männer ihren Dienst verrichteten - Männer, die vermutlich kaum älter gewesen waren als ich. Sie hatten gelacht, Wache gegangen, Briefe nach Hause geschrieben und von ihrer Zukunft geträumt. Dann kam der Tag, an dem sie den Befehl erhielten, ihr eigenes Schiff zu versenken. Zu diesen Männern, die 1919 an Bord jener ersten Karlsruhe standen, hatte ich eine Verbindung, sie waren auf eine seltsame Art, meine Kameraden, weil wir dieselbe Uniform trugen, denselben Schiffsnamen, dasselbe Meer befuhren. Ich dachte daran, wie sie ihr eigenes Schiff aufgaben, mit eigenen Händen, nicht aus Verzweiflung, sondern aus einem Verständnis von Ehre.

Für mich, aufgewachsen mit Walkman, MTV und Techno-Musik und einer Zeit, in der Frieden in Europa selbstverständlich schien, war dieser Gedanke kaum zu begreifen. Zwischen mir und den Männern von Scapa Flow lag nur wenige Generationen, und doch fühlte es sich an wie eine andere Welt. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es gewesen sein muss, an Deck zu stehen und zuzusehen, wie das eigene Schiff langsam tiefer sinkt, wie das Wasser über die Aufbauten steigt, wie man sich in ein Rettungsboot setzt und zurückrudert, um von dort aus zuzuschauen, wie alles, wofür man gedient hat, im kalten schottischen Wasser verschwindet. Kein Sieg, keine Niederlage, nur ein letzter, eigener Entschluss. Das war eine Welt, die ich nicht kannte, und doch spürte ich in diesem Moment eine Verbindung, die keine Erklärung brauchte. Für uns bedeutete dieser Moment, mit der alten Glocke, dass sie uns für einen Moment aus unserer eigenen Zeit herausheben und uns Menschen begegnen lassen, die längst nicht mehr da sind. Noch erstaunlicher war jedoch eine andere Erkenntnis. Die Männer, die uns die Glocke überreichten, waren keine Feinde. Sie waren Gastgeber und Verbündete. Manche von ihnen hatten selbst in der Marine gedient. Wir reichten uns die Hände, tauschten Zigaretten und lachten über irgendetwas, das ich heute nicht mehr weiß.

Als junger Mann, der mit Loveparade und Mauerfall aufgewachsen war, für den Krieg etwas aus dem Geschichtsunterricht war, verstand ich in diesem Moment zum ersten Mal wirklich, wie kurz die Zeit eigentlich ist, in der sich alles ändern kann. Wie dünn die Schicht ist, die uns von unseren Großvätern trennt, und wie viel dünner noch die, die uns wieder zusammenführen kann, wenn man es nur will.

In einer Welt, in der Konflikte oft als unüberwindbar erscheinen, ist das eine der hoffnungsvollsten Erkenntnisse überhaupt. Hass wird nicht vererbt. Er wird gelernt. Und wenn er gelernt werden kann, kann er auch wieder verlernt werden. Als wir später wieder in See stachen, dachte ich noch lange an diese Glocke - und daran, dass sie mir, ohne es zu wissen, noch eine zweite Geschichte schuldete. Eine, die erst dreißig Jahre später beginnen sollte, mit demselben Schiffsnamen, aber einem anderen Schiff: Meinem.



Ich wusste damals nicht, dass diese Glocke nicht die letzte Geschichte sein würde, die mir dieses Schiff erzählen würde. Dass ich selbst, mehr als dreißig Jahre später, an einem anderen Kai stehen würde - nicht um etwas entgegenzunehmen, sondern um mich zu verabschieden.
Die eigentliche Ironie dieser Geschichte offenbarte sich als meine Fregatte Karlsruhe, 2017 selbst außer Dienst gestellt wurde.
Seit Jahren liegt sie im Marinearsenal in Kiel und wartet auf ihre letzte Mission. 

Ihr Schicksal ist außergewöhnlich. Sie soll nicht verschrottet werden, sondern der Forschung dienen. Auf einem Testgelände in der Ostsee
wird untersucht, wie moderne Kriegsschiffe auf Unterwasserexplosionen reagieren. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen dazu beitragen, zukünftige Schiffe sicherer zu bauen und die Besatzungen besser zu schützen.
Doch selbst darin zeigt die Karlsruhe ihren eigenen Charakter. Mehrere Sprengversuche. unter anderem mit 50 und später sogar 175 Kilogramm Sprengstoff - konnten sie nicht versenken. Als wolle sie sich ein letztes Mal gegen ihr Schicksal stemmen, überstand sie auch diese Prüfungen. Die alte Lady wollte einfach nicht untergehen. Noch liegt sie in Kiel. Doch irgendwann wird auch sie ihren letzten Liegeplatz finden - auf dem Grund der Ostsee. Dann wird sie ihrem Namensvorgänger näher sein, als ich es jemals jemand hätte ahnen können.

Der Kleine Kreuzer Karlsruhe ruht seit 1919 in den kalten Gewässern von Scapa Flow. Seine Nachfolgerin wird eines Tages auf dem Grund der Ostsee liegen. Vielleicht werden in vielen Jahrzehnten Taucher über ihren Rumpf gleiten, so wie einst über den ihres Vorgängers. Vielleicht wird jemand eine Hand auf ihren Stahl legen und sich fragen, welche Geschichten dieses Schiff erzählen könnte. Welche Menschen auf ihm gelebt, gelacht, gefroren und gehofft haben.

Als ich 2018 mit der Fähre von Kiel nach Oslo fuhr, tat ich das aus einem ganz besonderen Grund. Ich wollte mich von ihr verabschieden. Da mir der Zutritt zum Marinearsenal verwehrt blieb, war die Fährfahrt die einzige Möglichkeit, sie noch einmal zu sehen. Beim Auslaufen sah ich sie klar und deutlich am Kai liegen – die alte, vertraute Silhouette, jeden Aufbau konnte ich noch erkennen. Aus dem stolzen Kriegsschiff, das einst jedem Sturm getrotzt hatte, war eine alte Lady geworden, die regungslos in ihrem Liegeplatz wartete.

Der Abschied kam erst auf der Rückfahrt. Beim Einlaufen der Fähre in die Kieler Förde sah ich sie fast so, wie ich sie zum ersten Mal gesehen hatte: im Nebel. Sie lag da, regungslos am Kai, halb verschluckt von demselben Grau, aus dem sie sich einst in Wilhelmshaven vor mir aufgebaut hatte. Am Anfang war sie ein Schatten gewesen, der langsam Gestalt annahm. Jetzt war sie dabei, wieder einer zu werden. Ich stand an der Reling und sah ihr nach, so lange es der Nebel zuließ.


Doch jede Geschichte kennt auch einen Neuanfang. Im Jahr 2026 fand erneut ein Generationenwechsel statt. Mit der Korvette Karlsruhe (F267) trägt wieder ein Schiff der Deutschen Marine diesen traditionsreichen Namen. Von ihrem Heimathafen Warnemünde aus wird sie künftig ihre Einsätze in der Ostsee und darüber hinaus fahren und ein neues Kapitel der langen Geschichte des Namens Karlsruhe schreiben. So lebt nicht nur ein Name weiter, sondern auch eine Tradition. Schiffe kommen und gehen, Stahl rostet und versinkt - doch ihre Geschichten werden den Menschen, die sie einst bemannten weitergetragen. Wie hier von mir - und zuletzt das Bildchen aus meinem Truppenausweis...


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