Zwischen Gebet und Vergänglichkeit
#LOG 4

Log Entry - 07.12.2023

Kathmandu, Nepal

Weather: Clear Sky slightly hazy

Altitude: 1368m

#LOG 4 – Zwischen Gebet und Vergänglichkeit

Noch bevor ich den Flughafen in Kathmandu überhaupt verließ, hörte ich das erste Wort.
„Namaste.“
Ein junger Mann am Gepäckband sagte es beiläufig, fast im Vorbeigehen, die Handflächen kurz vor der Brust zusammengelegt, ein flüchtiges Neigen des Kopfes. Ich nickte zurück, unbeholfen, die Hände zu spät gefaltet. Erst Stunden später, als ich das Wort zum zwanzigsten Mal gehört hatte - vom Hotelportier, von der Frau im Teeladen, von einem Kind, das mir hinterherlief - begriff ich, dass es kein Hallo war. Namaste, aus dem Sanskrit, heißt so viel wie „ich verbeuge mich vor dir.“ Die dazugehörige Geste, der zusammengelegten Handflächen, ist die Anjali Mudra. Sie ist keine Höflichkeitsfloskel, sondern eine stille Behauptung: Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir. Eine Anerkennung auf Augenhöhe, egal wer vor einem steht. In einer Welt voller Spaltung ein Gedanke, den man sich merken sollte - auch wenn er im Lärm der Konflikte meistens untergeht.

Mein Hotel lag in Thamel, direkt an der historischen Kernstadt. Ein etwa vierhundert Jahre altes Holzgebäude, von außen unscheinbar, fast verwachsen mit der Umgebung, innen sorgfältig restauriert und doch mit seinem ursprünglichen Geist. Die dunklen Balken erzählten von vergangenen Jahrhunderten, geschnitzte Fenster ließen das Licht weich in die Zimmer fallen, als stünde die Zeit hier nicht still, sondern vergehe nur langsamer als anderswo. Mein erster Weg am nächsten Morgen führte mich zu einem Ort, an dem ich nicht ahnte, wie sehr er mich verändern würde.



Pashupatinath.
Ich habe in meinem Leben glücklicherweise noch nicht viele Tote gesehen. Das sollte sich an diesem Morgen ändern. Der Nebel über dem Bagmati-Fluss verschmolz mit dem silbrigen Rauch der ersten Feuer, noch bevor ich die steinernen Stufen der Ghats (Feuerstätten) erreichte. An diesem Ort, begegnet man einer der ältesten und tiefsten Vorstellungen des Lebens, dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Wer diesen Boden betritt, spürt sofort, dass dies kein gewöhnlicher Tempel ist, es  ist die Domäne Shivas, vor allem in seiner Rolle als Zerstörer, nicht aus Grausamkeit, sondern um Raum für das Neue zu schaffen. Hier werden die Toten der hinduistischen Gemeinschaft Nepals verbrannt, und „Bestattung“ ist das falsche Wort dafür. Es ist eine rituelle Rückkehr zu den Elementen.

Ich stand auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses, als die erste Familie ihren Toten die Stufen hinuntertrug, eingehüllt in orangefarbene und goldene Tücher, gebettet auf Holzscheite. Kein abgeschirmter Ort, kein Wegsehen. Der Tod fand offen statt, sichtbar, mitten im Leben, mitten am helllichten Vormittag, während hinter mir Verkäufer Blumen und Räucherstäbchen anboten wie an jedem anderen Markttag auch.

Als die Flammen aufloderten, hing plötzlich der süßliche Geruch von Sandelholz, rituellen Ölen und etwas anderem in der Luft – etwas, das ich nicht benennen wollte. Ich atmete flach. Ein Gedanke schob sich in den Kopf, unwillkommen, konkret: dass ich gerade einen Menschen einatmete. Ich schob ihn wieder weg, so gut es ging, und stand einfach nur da, während um mich herum niemand klagte, niemand weinte laut. Nur diese seltsam akzeptierende Stille.

Es ist der tiefste Wunsch eines gläubigen Hindus, genau hier dem Feuer übergeben zu werden, weil der Tod an diesem Ort das Samsara, den endlosen Kreislauf der Wiedergeburten, durchbrechen kann. Kein Ende, eine Transformation. Die Asche geht später in den Bagmati, der Bagmati mündet in den heiligen Ganges, und mit ihm werden symbolisch die Sünden eines ganzen Lebens fortgetragen. Der Übergang ins Nirvana, wo die Seele endlich Frieden findet.

Neben mir, auf einem flachen Stein, saß ein Sadhu. Aschebestäubtes Gesicht, wirre Dreadlocks, der Blick eines Mannes, der dem weltlichen Besitz längst abgeschworen hat, um über die Vergänglichkeit zu meditieren. Er sah, wie ich zögernd die Kamera hob, deutete auf sie, dann auf sich, ein Bild dürfe ich machen, aber nicht ohne eine Spende, und keine kleine. Ich zahlte, machte das Foto, und er nickte kaum merklich, als hätte sich nichts weiter ereignet. Woran man einen echten Sadhu erkennt, erzähle ich in einem anderen Log. Nur so viel schon jetzt: Er fragt nicht nach Geld.

Mittlerweile hatte sich mir ein selbsternannter Guide angeschlossen, der nicht mehr von meiner Seite wich. Ich fragte ihn, ob man für den Tempel Eintritt zahlen müsse. Er verneinte und sagte, der Tempel sei ohnehin nur Hindus vorbehalten. Auf meine Frage nach dem Warum lachte er breit und meinte, da dürften keine rein, die Kühe essen - die seien unrein. Ein Scherz, natürlich, aber einer mit einem wahren Kern.
Für Gläubige ist der Haupttempel kein Museum, sondern das lebendige Zuhause Gottes. Shiva residiert dort, so die Vorstellung, und ein Tempel ist in der hinduistischen Philosophie ein energetisch aufgeladener Raum. Ein Pilger, der sein ganzes Leben auf diesen einen Moment der Hingabe ausgerichtet hat, bringt eine andere Energie mit als ein Tourist, der wegen der Architektur kommt. Um die jahrtausendealten Rituale vor dem Blitzlichtgewitter zu schützen, bleibt das Allerheiligste denen vorbehalten, für die es das Zentrum ihres spirituellen Universums ist. Gebunden an Glaubenszugehörigkeit und strenge Reinheitsvorschriften. Also doch ein KO-Kriterium für Steakliebhaber.

Der Komplex drumherum aber - die Verbrennungsstätten, die Terrassen mit den kleinen Schreinen, die Hügel voller Affen - war für jeden offen. Von der gegenüberliegenden Flussseite hatte ich einen klaren Blick auf das goldene Tempeldach und den riesigen silbernen Nandi-Bullen. Man war Teil des Geschehens, ohne die intime Grenze des Tempels zu überschreiten. Mir fiel ein Stück fehlendes Gold am Dach auf. Ich fragte den Guide, ob ein Sturm es abgerissen habe. Er lachte, machte eine kreisende Handbewegung und sagte nur: „Zappzarapp.“ Mehr Erklärung brauchte er nicht, und mehr wollte ich auch nicht wissen.

Ein Stück weiter, an einem offenen Altersheim, saßen und lagen Menschen, teils überdacht, teils im Freien, und warteten auf den Tod. Kein Verdrängen, kein Verstecken, der Tod als Teil des Lebens, sichtbar bis zum letzten Atemzug. Elend, ja. Aber, wie ich in diesem Moment zum ersten Mal wirklich verstand, auch ein Privileg: Hier sterben zu dürfen, wo der Tod nicht gefürchtet, sondern erwartet wird.

Ich ging an diesem Nachmittag lange am Fluss entlang, ohne ein Ziel. Der Rauch hing mir noch in der Nase, als ich Kathmandu erreichte.



Boudhanath, die große Stupa.
Am Nachmittag brauchte ich einen anderen Ort. Ich fand ihn in Boudhanath, in Klein-Tibet, keine zwanzig Minuten, entfernt und doch eine andere Welt. Schon von weitem spürte ich die Präsenz der großen Stupa. Die weiße Kuppel thront im Zentrum, umringt von den hohen tibetischen Häusern wie von einer geschlossenen Stadiontribüne. Diese kreisförmige Kulisse, verleiht dem Ort eine schützende Geborgenheit, die die laute, turbulente Außenwelt Kathmandus vollständig ausblendet. Ein Refugium mitten im Chaos, und genau das brauchte ich nach diesem Morgen.

Ich setzte mich auf die Dachterrasse eines kleinen tibetischen Teehauses, eine Tasse Kaffee in der Hand, und ließ den Blick schweifen. Unter mir strömten hunderte Gläubige um den Stupa. die Kora ist die rituelle Umrundung im Uhrzeigersinn. Manche in schweren tibetischen Gewändern, manche in Jeans und Turnschuhen, manche schweigend, manche murmelnd. Über allem, von der goldenen Spitze herab, blickten die alles sehenden Augen Buddhas in alle vier Himmelsrichtungen. Ein alter Mann direkt unter meiner Terrasse drehte im Gehen eine Gebetsmühle, mit der Routine von jemandem, der das seit sechzig Jahren tut. Die Lippen bewegten sich lautlos. Ich brauchte eine Weile, bis ich die Silben erkannte: Om Mani Padme Hum. Sechs Silben, sagte mir später jemand im Teeladen, jede ein eigenes Werkzeug zur Transformation des Geistes. Oberflächlich übersetzt: „Oh du Juwel im Lotus.“ Gemeint ist damit ein Bild - die Blüte mag im Schlamm des Alltags stecken, in Stress, Ärger, Sorgen, aber ihr Kern, das Juwel, bleibt rein. Wer das Mantra spricht, erinnert sich an diesen Kern in sich selbst.

Der Stupa gilt als Reliquienschrein, jede Runde um ihn reinigt den Geist ein Stück. Kein lautes Gebet. Eine leise Schwingung.Es war kein Spektakel. Kein touristisches Schauspiel. Es war gelebter Glaube, an dem ich für eine Stunde nur Zuschauer war - und nach dem Morgen genau das, was ich brauchte.

Die Luft war schwer vom Duft brennender Wacholderzweige und Butterlampen. Tausende bunte Gebetsfahnen flatterten im Wind wie ein ständiges Flüstern. Aus einem Laden unter mir drangen die tiefen, vibrierenden Klänge einer Klangschale nach oben, gemischt mit dem Klappern von Geschirr aus einem Café und dem fernen Grollen eines rituellen Horns aus einem der Klöster. Neben mir auf der Terrasse verkaufte ein Junge kleine Butterlampen. Licht als Symbol für Klarheit, für Mitgefühl, für das Überwinden von Dunkelheit - jede angezündete Flamme eine stille Widmung. Ich saß einfach da. Beobachtete, hörte, spürte.

Irgendwann stand ich auf und ging selbst los. Drei Runden, ohne Ziel, ohne Gedanken, einfach im Moment. Drei ist die Mindestanzahl für gläubige Buddhisten - eine Runde für den Buddha (den Lehrer), eine für den Dharma (die Lehre), eine für die Sangha (die Gemeinschaft). Besonders hingebungsvolle Pilger laufen 108, eine im Buddhismus und Hinduismus heilige Zahl. Ich lief drei, ohne Buddhist zu sein, und irgendwo zwischen der zweiten und dritten Runde merkte ich, dass ich aufgehört hatte zu zählen, und nicht mehr wusste wo ich angefangen hatte, was ungewöhnlich für mich ist.

Tauben bewegten sich zwischen den Menschen, Hunde lagen entspannt am Wegesrand, Katzen streiften durch die Menge. Niemand verscheuchte sie. Niemand störte sich daran. Alles durfte sein. Genau das, dachte ich, macht diesen Glauben so zugänglich - kein strenges Richtig-oder-Falsch, sondern ein Weg der Achtsamkeit. Nicht gegen das Leben, sondern mit ihm.
Ich blieb, bis die Dämmerung einsetzte. Dann verwandelte sich der Ort noch einmal: Hunderte Butterlampen wurden entzündet, der Stupa erstrahlte in warmem Gold, eine fast magische Ruhe legte sich über das sonst so chaotische Kathmandu. Ich kaufte mir eine der kleinen Lampen vom Jungen auf der Terrasse und zündete sie an, bevor ich ging. Kein bestimmter Wunsch, keine bestimmte Bitte,  nur ein kleines Licht mehr in einer Reihe aus tausend anderen.


An diesem Tag hatte ich zwei Welten erlebt. Erst das Feuer: Vergänglichkeit, Endgültigkeit, Transformation. Dann der Stupa: Ruhe, Kreise, Wiederholung, sanfte Bewegung.
Für mich musste es in genau dieser Reihenfolge geschehen. Ohne den Rauch von Pashupatinath hätte mich das Licht von Boudhanath wohl kaum so getroffen, wie es das tat. Erst wenn man dem Vergehen wirklich ins Gesicht sieht, beginnt man zu verstehen, warum Menschen tausend kleine Lampen anzünden, immer wieder, obwohl jede von ihnen irgendwann erlischt. Das genau ist die eigentliche Reise im bewussten Dasein, nicht die Ruhe zu suchen und die Vergänglichkeit zu meiden, sondern sich von der einen zur anderen führen zu lassen. Denn erst wenn wir akzeptieren, dass alles vergeht, können wir beginnen, den Moment wirklich zu schätzen.


Nach oben scrollen