#LOG3 – ...oder ein Motorradurlaub, der keiner wurde.
Alles fing mit einem Anruf von meinem Freund Martin an, der seit einigen Jahren auf den Philippinen lebt und mit seinem Katamaran Party- und Inselrundfahren anbietet.„Komm vorbei“, sagte er. „Ich habe zwei Honda XL Enduros gekauft. Lass uns über die Insel cruisen.“Alte Freundschaften funktionieren genau so. Wenige Worte genügen, und plötzlich entstehen Bilder im Kopf: staubige Tropenstraßen, Palmen am Straßenrand, salzige Meeresluft im Helm, kaltes Bier nach einer langen Tour und dieses besondere Freiheitsgefühl, das nur Motorradfahrer kennen.
Mehr Grund für eine Reise braucht es nicht. Somit war der Plan denkbar simpel. Koffer packen, den Alltag in Deutschland zurücklassen, einen alten Freund besuchen viel motorradfahren ganz ohne Termine oder Stress.
Mein Ziel war Panglao, eine kleine Insel direkt neben Bohol auf den Philippinen, war von Stuttgart aus nicht gerade der nächste Weg für einen spontanen Motorradurlaub. Schon bei der Reiseplanung entstand der Eindruck, dass die eigentliche Expedition möglicherweise weniger auf den Inselstraßen stattfinden würde als auf dem Weg dorthin. Meiner Planung nach lagen über dreißig Stunden zwischen meinem Wohnzimmer und Martins Terrasse auf den Philippinen, vorausgesetzt alles funktionierte so, wie es Fluggesellschaften, Fahrpläne und meine optimistische Vorstellungskraft vorgesehen hatten.
Für diese Reise musste praktisch jedes verfügbare Verkehrsmittel seinen Beitrag leisten, Zug, Flugzeug, Schiff, Auto und ein Tricycle. Es fehlten eigentlich nur noch Esel, Wasserbüffel und ein selbstgebautes Floß. Bereits das Packen entwickelte sich zur ersten technischen Herausforderung. Motorradfahrer reisen bekanntlich minimalistisch. Doch leider besitzen Motorradklamotten die unschöne Eigenschaft, sehr sperrig zu sein, aber unverzichtbar. Mein Gepäck sah weniger nach tropischem Inselurlaub aus als nach der mobilen Ausrüstung eines übermotivierten Dakar-Teilnehmers.
Die erste Etappe begann noch vergleichsweise unspektakulär mit einem Cappuccino im Zug Richtung Frankfurt. Europäische Ordnung und Bahnsteigansagen. Doch spätestens am Flughafen beginnt dann, mit einem Kaffee im Pappbecher, mein Schwebezustand den viele Langstreckenreisende kennen, man verlässt nicht einfach einen Ort, sondern gleitet langsam aus seiner gewohnten Realität hinaus.
Der Flug nach Dubai dauerte lange genug, um Vorfreude, Müdigkeit und leichte Selbstzweifel mehrfach miteinander abwechseln zu lassen. Der Aufenthalt in Dubai fühlte sich an wie ein Zwischenhalt auf einem anderen Planeten. Glas, Stahl, Laserlicht und Klimaanlagenluft, eine Stadt, die aussieht, als hätte jemand eine Science-Fiction-Vision mitten in die Wüste gebaut. Im Morgengrauen ging es weiter mach Cebu.
Noch mehr Flugstunden, noch mehr Wartesäle, bis der Körper irgendwann aufhört zu verstehen, ob gerade Morgen, Abend oder gestern ist. Doch die Reise war noch nicht vorbei. Von Cebu aus musste ich zum Hafen und mit dem Schiff weiter nach Bohol. Die See war unruhig. Das Boot hob und senkte sich schwer in den Wellen, während draußen Gischt gegen die Scheiben peitschte. Irgendwo zwischen Müdigkeit, tropischer Hitze und einem leicht rebellierenden Magen war ich froh, als sich endlich die grüne Küste von Bohol aus dem Dunst erhob.
Martin wartete bereits am Hafen. Die Umarmung eines alten Freundes besitzt eine seltsame Eigenschaft: Jahre schrumpfen darin auf wenige Sekunden zusammen. „Willkommen im Paradies“, sagte er grinsend.
Das Paradies zeigte sich allerdings zunächst von seiner schweißtreibenden Seite. Die tropische Luft hing schwer auf den Schultern, mein Körper bestand gefühlt zu gleichen Teilen aus Müdigkeit, Salz und Flughafenklimaanlagenluft. Der Abend endete deshalb genau richtig, mit einem kühlen Bierchen in Martins Pool. Das Wasser fühlte sich an wie eine verspätete Belohnung der Natur. Wir saßen im warmen Tropenabend, redeten über alte Geschichten, neue Pläne und die merkwürdige Tatsache, dass gute Freundschaft offenbar selbst über Kontinente hinweg einfach dort weitermacht, wo sie irgendwann pausiert hat. Vor dem Pool standen die beiden Honda XL im Licht der Abendbeleuchtung, staubig und bereit. Fast wirkten sie wie zwei Pferdchen, die sich bereits auf die kommenden Tage freuten, auf Inselstraßen, kleine Dörfer, Küstenkurven und Abenteuer. Ich blickte zu den Maschinen hinüber, nahm einen Schluck Bier und dachte:
Genau deswegen bin ich hierhergekommen.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass die Motorräder zwar Teil der Geschichte werden würden, aber längst nicht ihr Mittelpunkt. Am nächsten Morgen gings dann los, Zeit den Asphalt zu spüren, endlich Motorradfahren.
Die ersten Ausfahrten führten uns hinein ins Herz von Bohol zu den Chocolate Hills. Tausend von perfekt kegelförmigen Hügeln erstreckten sich bis zum Horizont, und da die Sonne das Gras zum Ende der Trockenzeit braun gefärbt hatte, sahen sie tatsächlich aus wie riesige, in die Landschaft gewürfelte Schokoladenpralinen.
Eine besonders treffende Beschreibung dieser Sehenswürdigkeit liefert der Fotograf Salvador Andre:
„Es gibt in der ganzen Welt keine Naturformation wie diese. Aus der Ferne sehen sie wie halbe Bälle aus, die aus dem Boden gewachsen zu sein scheinen. Die meisten Menschen, die zum ersten Mal die Bilder diese Landschaft sehen, können nur schwer begreifen, dass diese Hügel nicht von Menschenhand geschaffen wurden. Dennoch gibt man diesen Gedanken schnell auf, angesichts des hierfür notwendigen Arbeitsaufwandes, der mit Sicherheit die Errichtung der Pyramiden hätte übertreffen müssen.“
In der philippinischen Folklore werden die Hügel oft als Tränen eines unsterblichen Riesen interpretiert, der um seine verlorene menschliche Liebe weinte und dessen versteinertes Leid nun die Landschaft prägt. Für mich sehen sie aus wie riesige Maulwurfhügel. Das Meisterwerk eines Dino-Megamole, der vor Millionen Jahren, zur Zeit des Pleistozäns, seine mächtigen Schaufelkrallen in den Boden rammte und mit einem einzigen Schwung hunderte Tonnen Material nach oben warf. So entstanden keine flachen Erdhaufen, sondern massive, bis zu 120 Meter hohe Kegel.
Man sucht automatisch nach Erklärungen, auch wenn die meisten nicht stimmen. Manche Landschaften wollen nicht verstanden werden. Sie wollen lediglich bestaunt werden. Auf der Rückfahrt wurde es heiß. Die tropische Schwüle stand wie eine massive, feuchte Wand in der Luft. Nach wenigen Kilometern begriff ich, dass tropisches Motorradfahren wenig mit den romantischen Vorstellungen europäischer Freiheit zu tun hatte. Der Helm wurde innerhalb kürzester Zeit zur mobilen Sauna, die Motorradjacke zum persönlichen Dampfbad, und der Fahrtwind brachte keinerlei Erlösung.
Eine willkommene Pause machten wir beim Tarsier Sanctuary. Dort im dämmrigen Schatten des philippinischen Dschungels begegneten wir einem der kleinsten und zugleich ungewöhnlichsten Bewohner der Philippinen: Dem Koboldmaki (Tarsier).
Der winzige Primat passt beinahe auf eine Handfläche, besitzt aber Augen, die wirken, als wären sie für ein wesentlich größeres Tier gedacht. Dazu diese langen Finger und der starre Blick, es wirkt fast so, als hätte die Evolution beim Entwurf ein wenig übertrieben.
Doch nicht nur sein Äußeres ist faszinierend. Der kleine Kobold gehört zu den Meistern der lautlosen Welt, wenn er das Maul aufsperrt, sieht es für uns wie ein stummes Gähnen aus, doch in Wahrheit stößt er Rufe im reinen Ultraschall aus. Diese geheime Sprache ist für Fressfeinde wie Eulen oder Schlangen völlig unhörbar und erlaubt es ihm, völlig unbemerkt Alarm zu schlagen und nachts selbst das feinste Rascheln von Beutetieren im Geäst zu orten.
Das Besondere: Der Philippinen-Koboldmaki ist endemisch. Er kommt nur auf den Philippinen vor und nirgendwo sonst auf der Welt. In Zoos sucht man ihn deshalb vergeblich, auch weil er extrem geräusch- und stressempfindlich ist. Wer diesen kleinen Kerl sehen möchte, muss dorthin reisen, wo er zu Hause ist.
Abends machten wir einen Stopp bei den Fireflys (Glühwürmchen). Das erfrischende Highlight war der nächtliche Bootsausflug zu den Fireflys, er begann am Loboc River. Wir glitten in der Dunkelheit lautlos über den Fluss, umhüllt von der samtenen tropischen Nacht. Die Dunkelheit senkte sich über die Mangroven, der Motor verstummte. Erst waren es nur einzelne Lichtpunkte. Dann hunderte. Tausende. Glühwürmchen hatten die Bäume in pulsierende Lichtkörper verwandelt. Die Mangroven blinkten und leuchteten, als hätten sich Sterne verirrt und beschlossen, für eine Nacht zwischen den Ästen zu wohnen. Niemand sprach. Das Wasser war schwarz wie poliertes Glas. Und während ich dort saß, wurde mir bewusst, dass manche der schönsten Erfahrungen unseres Lebens vollkommen nutzlos sind. Sie produzieren nichts. Sie verbessern keine Karriere, steigern keine Effizienz, lösen kein Problem. Sie erinnern uns lediglich daran, dass Schönheit und Faszination noch existiert.
Am nächsten Tag ging ich mit Martins Sohn Ninyo zum Schwimmen in die Hinagdanan Cave. Allein schon die Bedeutung den Namens Hinagdanan „über eine Leiter erreichbar“, was nicht stimmt es gibt Betonstufen, lässt viel erwarten. Die Atmosphäre ist magisch. Eine unterirdische, glasklare Lagune, deren grün-türkises Wasser von beeindruckenden, jahrtausendealten Stalaktiten und Stalagmiten eingerahmt wird und in der man sogar baden kann. Durch natürliche Öffnungen in der Höhlendecke fallen - besonders am Vormittag - dramatische Sonnenstrahlen ein, die das Innere spektakulär erleuchten. Das eigentliche Abenteuer dieses Tages war meine erste Tricyclefahrt, dem typisch philippinischen Tuk-Tuk, das aus einem Motorrad mit einem angeschweißten, überdachten Beiwagen besteht. Ich durfte mich selbst ans Steuer setzen, was sich als absolute fahrerische Herausforderung entpuppte. Durch das asymmetrische Gewicht des Beiwagens reagiert die Lenkung völlig unberechenbar und zieht permanent in eine Richtung. Jede Kurve wurde zum Kraftakt, das Schalten forderte volle Koordination, ich schwitzte Blut und Wasser, erntete aber immerhin den lauten Applaus der Einheimischen, als ich das Gefährt unfallfrei manövrierte.
Abends saßen wir in Helmuts kleiner Bar. Die tropische Nacht hing schwer zwischen Gesprächen, Musik und kalten Getränken, Ventilatoren bewegten träge die warme Luft. Dort begegnete ich Handschi, einem Tauchlehrer. „Na“, fragte er beiläufig, „hast du Lust auf einen Tauchkurs?“ Ich lachte. „Ganz sicher nicht. Bin zum Motorradfahren hier. Ich werde meinen Urlaub bestimmt nicht, mit Theorieunterricht, Drucktabellen
und Tauchprüfungen verbringen.
“Er grinste nur. „Dann wenigstens ein kostenloser Schnuppertauchgang?“ Ich lehnte erneut ab. Keine Lust auf Pooltauchen, zwischen Fliesenboden und Chlorgeruch.„Nicht im Pool“, sagte er ruhig „am Hausriff.“
Abends saßen wir in Helmuts kleiner Bar. Die tropische Nacht hing schwer zwischen Gesprächen, Musik und kalten Getränken, Ventilatoren bewegten träge die warme Luft. Dort begegnete ich Handschi, einem Tauchlehrer. „Na“, fragte er beiläufig, „hast du Lust auf einen Tauchkurs?“ Ich lachte. „Ganz sicher nicht. Bin zum Motorradfahren hier. Ich werde meinen Urlaub bestimmt nicht, mit Theorieunterricht, Drucktabellen
und Tauchprüfungen zu verbringen.“Er grinste nur. „Dann wenigstens ein kostenloser Schnuppertauchgang.“
Ich lehnte erneut ab. Keine Lust auf Pooltauchen, zwischen Fliesenboden und Chlorgeruch. „Nicht im Pool“, sagte er ruhig.„Am Hausriff.“
Zwei Worte können genügen, um den Verlauf einer Reise zu verändern. Denn manchmal warten die besten Erlenbisse nicht dort, wo wir suchen, sondern genau dort, wo wir ursprünglich niemals hinwollten.
Am nächsten Morgen saß ich bereits in einer kleinen Banka, dem traditionellen Auslegerboot, und fuhr hinaus aufs Meer. Nach einer kurzen Einweisung ging es direkt zum Riff. Dreißig Grad warmes, kristallklares Wasser. Unter uns zunächst heller Sandboden. Dann erschien plötzlich das Riff. Eine gewaltige Wand aus Korallen und Leben, die scheinbar senkrecht ins dunkle Blau abfiel. Wir ließen Luft aus den Jackets und begannen langsam abzutauchen.Es fühlte sich nicht wie Fallen an. Eher wie fliegen.
Die Strömung trug uns lautlos am Riff entlang. Überall Leben. Papageifische fraßen knirschend an Korallen, Clownfische lugten aus ihren Anemonen hervor, Schwärme silberner Glasfische zogen wie flüssiges Metall durchs Wasser. Zwischen den Korallenfächern und bunten Schwämmen herrschte ein Chaos, das zugleich vollkommen geordnet wirkte. Und irgendwo zog eine Schildkröte mit jener uralten Gelassenheit durchs Blau, die nur Wesen besitzen, die keinen Terminkalender kennen. Unter Wasser verändert sich die Zeit und die Wahrnehmung. Geräusche verschwinden. Man hört nur den eigenen Atem. Einatmen. Blasen. Ausatmen. Darin liegt der eigentliche Zauber
des Tauchens, in dieser seltenen Erfahrung, für einen Augenblick vollständig im Hier und Jetzt zu verschwinden. Keine Termine, keine Gedankenketten, nur Wasser, Licht, Bewegung und Atem.
Nach etwa zwanzig Minuten tauchten wir langsam wieder auf. Zurück an der Oberfläche schaute mich Handschi an. „Und?“ Ich sah ihn an
und sagte nur ein Wort: „Geil.“ Ich war vollkommen geflasht. Von dieser stillen, fremden Welt, die nur wenige Meter unter der Oberfläche existierte und die ich mein Leben lang praktisch ignoriert hatte.
Beim anschließenden Cappuccino unterschrieb ich beinahe automatisch den Antrag für den Open Water Diver - jenen Tauchschein, den ich ursprünglich niemals hatte machen wollen. Mit Lehrbuch unterm Arm ging ich zurück zu Martin und begann plötzlich Dinge über Druckausgleich, Tarierung, Stickstoffaufnahme und Sicherheitsstopps zu lernen, die wenige Tage zuvor noch weit außerhalb meines persönlichen Interessengebiets gelegen hatten.
Das Motorrad diente ab jetzt nur noch zu den täglichen Fahrten zur Tauchschule und zurück. Die praktische Ausbildung begann bereits am nächsten Morgen. Übungen, die zunächst erstaunlich theoretisch klangen, wurden unter Wasser schnell zu sehr realen Fertigkeiten. Nach mehreren Übungstauchgängen und den Prüfungen hielt ich eine Woche später meinen Tauchschein in den Händen.
Dann ging es endlich mit der Banka nach Balicasag meinem persönlichen Unterwasserwunder und einem der Top Ten Tauchspots der Welt. Schon nach wenigen Flossenschlägen verwandelt sich das flache, sonnendurchflutete Korallenplateau in einen vertikalen Abgrund. Diese dramatischen Steilwände, die gefühlt endlos ins tiefe Blau stürzen, sind über und über mit riesigen Fächerkorallen und bunten Schwämmen bewachsen. Es ist ein unfassbarer Drift-Tauchgang entlang einer lebendigen Wand, an der das pralle Leben pulsiert. Durch den jahrzehntelangen, strengen Schutz des Reservats haben die Meeresbewohner hier jede Scheu verloren. Uralte, riesige Meeresschildkröten
mit stoischer Gelassenheit zogen an mir vorbei, als wären sie die geheimen Wächter des Riffs und geben einem das Gefühl als gehörte man
für einen Augenblick ganz selbstverständlich zu ihrer Welt. Und dann plötzlich dieses eine Phänomen, das jedem Taucher den Atem stocken lässt: das Licht dunkelte sich über mir ab, ich blickte nach oben und fand mich inmitten eines gigantischen Makrelenschwarms wieder. Tausende silberne Leiber schlossen sich wie ein riesiger, lebendiger Tornado um mich herum, wirbeln in perfekter Synchronität durch das kristallklare Wasser im Kreis und reflektierten die Sonnenstrahlen wie eine funkelnde Discokugel, während ich fassungslos im Zentrum dieses Naturwunders verweilte. Wer einmal inmitten dieses gigantischen, lebendigen Strudels geschwebt hat, während das Sonnenlicht auf den Schuppen der Fische tanzt, vergisst diesen Moment ein Leben lang nicht. Eine seltsame, mir nicht ganz fremde Magie, versprüht der legendäre Black Forest. Ein seltener Unterwasserwald aus Schwarzen Korallen, die entgegen ihres Namens im Scheinwerferlicht hell und filigran wie ein Märchenwald funkeln. Spätestens im Korallen Schwarz Wald wurde mir klar, dass mein geplanter Motorradurlaub endgültig unter Wasser weiterging.
Auf der Rückfahrt von Balicasag nach Panglao saß ich schweigend auf dem Bug der kleinen Banka, den Blick auf das offene Meer gerichtet. Das Boot schnitt durch die glitzernde Wasseroberfläche, doch innerlich war etwas ungewöhnlich still geworden. Ich hatte das schwer greifbare Gefühl, gerade nicht einfach nur einen Tauchgang erlebt zu haben, sondern für kurze Zeit Gast in einer anderen Wirklichkeit gewesen zu sein.
Manche Erfahrungen hinterlassen keine laute Euphorie. Sie wirken leiser und tiefer. Sie verändern unmerklich den Blick auf die Welt. Während die Insel langsam wieder näher rückte, war da dieses seltene Bewusstsein, etwas wirklich Besonderes erlebt zu haben.Der Abend endete wieder im Pool bei Martin, mit einem kühlen Bier in der Hand, warmem Tropenwind auf der Haut und diesem angenehmen Zustand zwischen Erschöpfung und Glück, den nur intensive Reisetage erzeugen können.
Ich erzählte begeistert von Balicasag, von den Schildkröten, den Korallenwänden und dem silbernen Makrelentornado. Martin hörte entspannt zu. Für ihn war die Unterwasserwelt längst kein Neuland mehr. Er kannte dieses Gefühl - jenes schwer erklärbare Staunen, das Taucher irgendwann befällt, wenn sie merken, dass sich unter der Wasseroberfläche eine zweite, vollkommen eigenständige Welt verbirgt. Irgendwann grinste er nur und meinte, dass am nächsten Morgen noch etwas anderes auf dem Programm stünde. Oslob! Tauchen mit den großen Jungs. Am nächsten Morgen ging es früh los. Der Katamaran ankerte bei Sonnenaufgang vor Panglao. Zusammen mit einer gebuchten Reisegruppe hinaus aufs Meer. Ich machte mich dabei als Kameramann nützlich und übernahm die Aufgabe, das Walhai-Erlebnis filmisch festzuhalten und bei Youtube einzustellen. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich die Kamera noch für meine wichtigste Aufgabe des Tages. Bis wir ins Wasser gingen.
Es gibt Begegnungen, auf die einen selbst Bilder und Dokumentationen nicht vorbereiten können. Die Walhaie erschienen zunächst wie Schatten im Blau, mit einer Silhouette von epischen Ausmaßen.Langsame, massive Bewegungen unter der Oberfläche. Dann kamen sie näher. Nichts im Leben bereitet dich auf den Moment vor, in dem du das erste Mal den sanften Riesen der Meere Auge in Auge gegenüberschwebst. Ein Geschöpf, so groß wie ein Linienbus, glitt mit eleganten, majestätischen Bewegungen seiner mächtigen Schwanzflosse direkt auf mich zu. Das gefilterte Sonnenlicht tanzte auf seinem dunklen Rücken, der von einem einzigartigen Muster aus weißen Punkten und Linien überzogen war, wie eine Sternenkarte des Ozeans. Das riesige, flache Maul filterte friedlich das Plankton aus dem Wasser.Während die GoPro filmte, glitt einer der Giganten nur wenige Meter an uns vorbei. Kein aggressives Raubtier, kein hektisches Spektakel, eher die stille Begegnung mit einem uralten Wesen, das seit Jahrmillionen durch die Ozeane wandert, lange bevor es Menschen gab und dessen bloße Existenz etwas Beruhigendes besitzt.
Vorsichtig nährte ich mich, als er an mir vorbeischwebte und mich aus einem kleinen, klugen Auge anzublicken schien, hielt die Welt für mich an. Es war ein Moment von so purer, ehrfurchtgebietender Schönheit. Neben einem Walhai verliert man unweigerlich jedes normale Größenverständnis. Man fühlt sich klein.
Unter Wasser herrschte eine eigentümliche Mischung aus Ehrfurcht und kindlichem Staunen. Niemand musste viel tun. Man schwebte einfach da und beobachtete diese sanften Riesen, wie sie ruhig durchs Wasser filterten, begleitet von kleinen Begleitfischen, vollkommen unbeeindruckt von unserer Aufregung. In diesen Momenten wird einem bewusst, wie selten echte Demut geworden ist. Nicht die Demut aus Pflichtgefühl oder Moral. Sondern jene stille Erkenntnis, Teil von etwas sehr viel Größerem zu sein.
Als wir später wieder an Bord saßen, tropfend, schweigend und noch immer etwas benommen von dem Erlebten, hatte ich das Gefühl, nicht nur einen weiteren Tauchgang absolviert zu haben, sondern einer Dimension der Natur begegnet zu sein, die sich kaum in Worte, Bilder oder Filme übersetzen lässt. Was als staubiger, unerträglich heißer Motorradurlaub begonnen hatte, transformierte sich nun in das erfrischendste Abenteuer meines Lebens. Statt in klebriger Montur auf dem heißen Asphalt zu schwitzen, glitt ich nun schwerelos durch das kühle Nass der absoluten Top-Ten-Tauchhotspots dieser Erde.
Schon immer liebte ich das Meer. Es erinnert mich jedes Mal daran, wie klein unsere alltäglichen Sorgen im Maßstab des Ozeans eigentlich sind. Seine Weite relativiert vieles, was uns im Alltag groß und schwer erscheint. Doch bisher hatte ich das Meer meist nur von oben
betrachtet, von Stränden, Booten oder Küsten aus. Nun hatte ich mich endlich getraut, auch unter die Oberfläche zu schauen. Und dort unten eröffnete sich eine Welt, die noch stiller, größer und faszinierender war, als ich sie mir jemals vorgestellt hatte.
Das bringt mich zu einer Erkenntnis: Manchmal reist man ans andere Ende der Welt, um genau das zu tun, was man immer gern getan hat und macht dann plötzlich etwas, das man eigentlich nie tun wollte. Etwas, das nie Teil des Plans war, nie auf irgendeiner inneren Wunschliste stand. Oft genau diese ungeplanten Umwege, diese zufälligen Begegnungen und spontanen Entscheidungen, die einer Reise Tiefe geben. Manchmal driftet man in eine Richtung, die man ursprünglich nie gewählt hätte. Denn manchmal wartet genau dort, jenseits der eigenen Erwartungen, nicht nur ein neues Erlebnis, sondern neue tiefe Eindrücke.










































