Cleo & Me

#LOG 1

Log Entry - 26.09.2024

Position 43.754324, -110.723944

Jenny Lake, Wyoming, USA

Weather: Clear Sky in the morning

Altitude: 2073m

#LOG1 Cleo & Me

Die Reise führte mich in den Westen der USA, in eine Landschaft, die kaum größer und ursprünglicher sein könnte. Der Yellowstone Nationalpark empfing mich mit einer Wucht, die schwer in Worte zu fassen ist. Weite Ebenen, dampfende Quellen, brodelnde Erde, Bisons, Bären und Wapitis. Tiere die wirken, als gehörten sie in eine andere Zeit. Ich war fasziniert. Und gleichzeitig ein wenig irritiert. Menschen standen in dichten Trauben am Straßenrand, Kameras im Anschlag, auf der Jagd nach dem perfekten Foto.

Weiter südlich lag der Grand-Teton-Nationalpark, kleiner, ruhiger, weniger überlaufen. Genau das, was ich suchte. Den Namen kennen die wenigsten, aber die Filme die dort gedreht wurden kennt jeder, Westen Klassiker wie, „Der mit dem Wolf Tanzt“, “mein Freund Shane“ und
„der weite Himmel“, sind hier entstanden. Wir fanden eine kleine Lodge am Jenny Lake, einem dieser stillen Seen, in denen sich die Berge spiegeln, als hätte jemand die Welt für einen Moment angehalten.

Am nächsten Morgen, nach einem eher durchwachsenen Kaffee, der vermutlich schon mehr als ein Leben hinter sich hatte, machte ich mich früh auf den Weg. Allein am kieseligem Ufer entlang, die Luft kühl, die Sonne gerade dabei, den Tag zu öffnen. Es war still. Eine dieser Stimmungen, die man nicht festhalten kann - nur erleben. Ich habe hierzu ein kleines Video geschnitten, einen Songtext geschrieben und
mit Suno zum Leben erweckt.


Und dann sah ich sie Cleo - auf Ihren Namen kam ich erst sehr viel später.
Zwischen den Steinen, fast unscheinbar, flatterte etwas. Ich blieb stehen. Eine Motte. Groß - ungewöhnlich groß. Acht, vielleicht zehn Zentimeter Spannweite, mit sanft roten Hinterflügeln. Ich wäre beinahe auf sie getreten.
Sie saß einfach da. Bewegte sich kaum. Ich ging in die Hocke und betrachtete sie. Sie flog nicht weg, kein hektisches Flattern, kein
Fluchtreflex, nur Ruhe. Also nahm ich ein kleines Stöckchen und hielt es vorsichtig hin. Sie kletterte darauf, ganz selbstverständlich.
Langsam hob ich sie an.

Erst jetzt sah ich sie wirklich. Die feinen Strukturen ihrer Flügel, die Farben, dieses fragile Gleichgewicht zwischen Zartheit und Präsenz. Ein kleines Wesen und doch voller Ausdruck. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass sie nicht einfach nur da war, sondern wirklich wahrnahm. Ich war vollkommen im Moment. Kein Vorher, kein Nachher, nur dieses stille Jetzt, das sich für einen Augenblick ausdehnte, als hätte jemand die Zeit langsamer gestellt.
Ohne dass ich es richtig bemerkte, wechselte sie vom Stöckchen auf meine Hand. Ganz leicht. Kaum spürbar. Und doch war dieser Kontakt intensiver als vieles andere, was ich auf dieser Reise erlebt hatte. Es war kein Greifen, kein Festhalten - eher ein vorsichtiges Ankommen.
Ich musste lächeln. „Na du…“, sagte ich leise. „Du bist ja mal eine außergewöhnliche Schönheit. Hast du dich verflogen oder ist das hier dein Stammplatz?“ Natürlich bekam ich keine Antwort. Und doch war da etwas. Ein Blick, eine Präsenz, die mich auf eine Weise berührte, die ich nicht erklären kann. Sie schien zu lächeln. Oder vielleicht war es einfach mein eigener Blick, der in diesem Moment weicher wurde.
Wir verweilten noch eine Weile so. Zwei Lebewesen, völlig unterschiedlich und doch verbunden durch einen Moment. Ohne Sprache, ohne Absicht, einfach nur da. Irgendwann machte ich zur Erinnerung noch ein Selfie von uns beiden, ich wollte diesen Moment festhalten. Ein absurder Gedanke, aber ich wollte diesen stillen Moment festhalten. Dann setzte ich sie vorsichtig auf einen Ast. Und wir verabschiedeten
uns. Ohne Worte.

Warum nannte ich sie Cleo?
Auf der weiteren Reise ließ mich diese Begegnung nicht los. Ich hatte Bisons und Bären gesehen, unzählige gewaltige Tiere, die Landschaften prägen. Ich hatte die Kraft des Yellowstone gespürt, die Weite, die Ursprünglichkeit. Und doch war es dieser eine Moment mit Cleo, der am tiefsten nachwirkte. Vielleicht gerade, weil er so unscheinbar und still war.
Später beim Googeln fand ich heraus, dass es sich um eine Sphinx-Motte handelte, ein Weibchen - erkennbar an den zarten roten Hinterflügeln.

Der Name war damit endgültig gesetzt: Cleo, in Anlehnung an Cleopatra und Ägypten.

Ein paar Tage später übernachtete ich in der Ninepipes Lodge im Mission Valley, Montana, mitten im Flathead Indianer Reservat. Die Landschaft dort hatte eine ganz eigene Ruhe mit Blick auf die Mission Mountains und den Ninepipe-Stausee.
Neben der Lodge befand sich das Ninepipes Museum of Early Montana. Es war leider geschlossen. Davor saß ein alter Flathead Indianer, die sich selbst "Bitterroot Salish" nennen. Ich sprach ihn an, fragte nach den Öffnungszeiten. Wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte, wo ich herkam, was ich suchte, was ich erlebt hatte. Er fragte mich, welche Tiere ich gesehen hatte, Ich sagte: viele, und irgendwann erzählte ich ihm von Cleo. Er hörte sehr aufmerksam zu. 
Dann sagte er ruhig: „Du hast deinen Spirit Guide gefunden. “Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Ausgerechnet eine Motte dachte ich. Er erklärte mir, dass die Motte in der indianischen Mythologie für Transformation steht. Für Intuition. Für die Suche nach Sinn und Wahrheit, für den Drang, die Welt und sich selbst zu ergründen und zu verstehen. Für Verletzlichkeit, Motten haben oft die Eigenschaft zu nah am Licht zu fliegen. Aber auch für die Fähigkeit, dem Licht zu folgen - durch die Dunkelheit hindurch.

Und plötzlich ergab vieles einen Sinn. Wenn mich jemand vorher nach meinem Krafttier gefragt hätte, hätte ich vielleicht Adler, Wolf oder Grizzly gesagt. Starke, beeindruckende Tiere. Aber jetzt wusste ich: Es ist Cleo. Und ich bin dankbar für diese Begegnung. Cleo ist meine stille Begleiterin - kein lautes, kraftvolles Tier, sondern eines, das leise wirkt. Sie steht für Veränderung, für innere Prozesse, die nicht sichtbar sind, die sich nicht ankündigen, sondern einfach geschehen. Cleo folgt dem Licht. Nicht zielgerichtet, nicht berechnend, eher suchend und tastend. Das genau ist ihre Botschaft, dem eigenen Gefühl zu vertrauen, auch wenn der Weg nicht klar ist. Sich bewegen, ohne alles verstehen zu müssen. Das ist genau meine Art unterwegs zu sein.

Im Nachgang begann ich zu verstehen, dass diese Begegnung vielleicht mehr war als nur ein schöner Moment. Vielleicht war es kein Zufall, dass ausgerechnet mir eine Motte begegnete, ein stilles Wesen, das dem Licht folgt, ohne zu wissen, wohin es führt.


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