Blutmond

#LOG 5
Auf den Schwingen der Nacht…

Log Entry - 8/2017

Position 46.135198, 24.521323

Transsylvanien Rumänien

Weather: generally mystical

Altitude: 700 - 2450m

LOG 5 – Auf den Schwingen der Nacht: Unser Roadtrip zu Dracula

Es begann mit einer fixen Idee, genährt von den düsteren Seiten in Bram Stokers Klassiker. Während andere im Sommer Richtung Adria aufbrachen, entschieden mein Sohn Tim und ich uns für den Osten. Wir wollten den Spuren Draculas folgen, bis nach Transsylvanien. Der Startschuss fiel in Stuttgart, und Kilometer um Kilometer fraßen wir uns auf dem Asphalt voran, bis die Türme von Prag am Horizont auftauchten.
Unsere erste Unterkunft war kein gewöhnliches Hotel, sondern ein Botel, das sanft auf der Moldau schaukelte. Blickte man nachts aus dem Bullauge, glitzerten die Lichter der Karlsbrücke auf dem Wasser, als hielte die ganze Stadt den Atem an. In den verwinkelten Gassen der Altstadt feierten wir eine kleine Premiere. In einem rustikalen tschechischen Wirtshaus schob ich Tim seinen ersten echten, schweren Krug
Bier zu. Ein Moment stillen Einverständnisses zwischen Vater und Sohn, während wir durch die Stadt streiften und uns auf das Kommende einstimmten.

Die Knochenkapelle
Doch bevor wir die Grenze nach Rumänien überquerten, wartete in Kutná Hora eine Begegnung der makabren Art. Das dortige Ossuarium,
die berühmte Knochenkapelle, gab die perfekte, gruselige Einstimmung auf den Vampirmythos vor.

Der Hintergrund dieses Ortes ist so tragisch wie faszinierend und reicht bis ins Jahr 1278 zurück: Abt Heinrich brachte damals eine Handvoll heilige Erde vom Golgatha-Hügel in Jerusalem mit und verteilte sie auf dem Friedhof. Von diesem Moment an galt der Boden als heilig, der erste seiner Art in Mitteleuropa. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Jeder wollte hier begraben werden, in der Hoffnung, dem Himmel ein Stück näher zu sein. Sogar Adelige aus Polen, Bayern und Belgien ließen ihre Toten hierherbringen. Als im 14. und 15. Jahrhundert Pest und Kriege wüteten, platzte der Friedhof aus allen Nähten. Ein Mönch begann schließlich, die Gebeine zu exhumieren und im Untergeschoss der Kapelle zu stapeln, um Platz für neue Gräber zu schaffen. Im 19. Jahrhundert ordnete der Holzschnitzer František Rint dieses Chaos auf unheimliche Weise und schuf aus den Knochen von über 40.000 Menschen schaurige Kunstwerke - riesige Kronleuchter, Wappen aus Schädeln.
Wir hatten noch nie so viele menschliche Überreste an einem Ort gesehen. Ein Anblick, der einen automatisch tief durchatmen lässt und die eigene Vergänglichkeit mit voller Wucht ins Bewusstsein holt.

Und dann dieser Kontrast: Dracula ist der Legende nach dazu verdammt, in „ungeweihter Erde" zu ruhen. Kutná Hora ist das genaue
Gegenteil - so heilig, dass die Menschen einst Schlange standen, um hier verwesen zu dürfen.

Sibiu und der Moldoveanu
Über eine weitere Übernachtung auf der Margareteninsel in Budapest führte uns der Weg tiefer nach Rumänien hinein, bis wir Sibiu erreichten, das geschichtsträchtige Hermannstadt. Dass Transsylvanien - übersetzt „Land jenseits der Wälder" - auch Siebenbürgen heißt, verdankt es den deutschen Siebenbürger Sachsen. Diese Siedler wurden im 12. Jahrhundert gerufen, um die Grenzen gegen Eindringlinge zu verteidigen, und errichteten sieben befestigte Städte (sieben Burgen), die der Region bis heute ihr wehrhaftes, deutsches Gesicht verleihen.
Unsere Unterkunft lag direkt an der alten Stadtmauer. Als wir abends auf dem Marktplatz unseren Cappuccino tranken, wirkte es, als beobachteten uns die alten Gebäude in der lauen Sommernacht. Die typischen Dachgauben der Häuser sind wie schmale, wachsame Schlitze geformt - nicht umsonst heißen sie „die Augen der Stadt".


Der nächste Tag verlangte uns alles ab, auch wenn wir die Herausforderung anfangs unterschätzten. Auf der Wanderkarte sah das Ziel - der Moldoveanu, mit 2.544 Metern der höchste Berg der Transsilvanischen Alpen sehr machbar aus. Wir kalkulierten mit 500 bis 1.000 Höhenmetern und 20 Kilometern Distanz. Eine machbare Tagestour, dachten wir. Die Anfahrt über den Transfăgărășan-Pass ist immer wieder ein Spektakel für sich - ich bin ihn schon mehrmals mit dem Motorrad gefahren. Jeremy Clarkson nannte ihn einst die „beste Straße der Welt", und übertrieben hat er nicht: eine der spektakulärsten Bergstraßen, die sich in endlosen Serpentinen durch die Karpaten schraubt. Wir hatten das Glück, bei Sonnenaufgang am Bâlea Lac noch einen Parkplatz zu finden, bevor der Ansturm begann.
Der Aufstieg war anspruchsvoll: Über ein steiles, mühsames Geröllfeld kämpften wir uns rund 400 Höhenmeter nach oben, während dichter Nebel uns vollständig verschluckte, eine fast mystische Stimmung. Dann, am Grat, das Unfassbare. Das Wetter teilte sich buchstäblich. Der Nebel staute sich wie eine gewaltige weiße Wand an der Nordflanke, Richtung Siebenbürgen, und gab die Sicht nach Süden frei, in die Walachei. Dort strahlend blauer Himmel, Sonnenschein, ein kleiner, glasklarer Bergsee tief unter uns im Tal.


Der Wanderweg auf dem schmalen Grat war einmalig schön, ein Balanceakt auf der Wettergrenze. Doch die Geografie der Karpaten belehrte uns eines Besseren. Was auf dem Papier nach 500 Höhenmetern aussah, entpuppte sich als kräftezehrendes auf und ab über unzählige Zwischengipfel, vorbei am „Fenster der Drachen". Als wir schließlich den Arpașul Mare auf knapp 2.500 Metern erreichten, kam der Realitätscheck. Die Sonne stand tiefer als erhofft, und der Moldoveanu, der eigentliche Hauptgipfel, lag noch in weiter Ferne. Ein Blick auf die Uhr, ein Blick auf die schroffen Felsen und uns wurde klar, dass wir den Rückweg nicht mehr bei Tageslicht schaffen würden.
Schweren Herzens, aber mit Respekt vor der Gewalt dieser Berge, drehten wir um. Der Gipfelsieg blieb uns verwehrt. Das Erlebnis auf dem Grat war Belohnung genug.

Zurück am Bâlea-See ließen wir es uns richtig gut gehen: eine kräftige Ciorbă de burtă, deftige Kuttelsuppe mit viel Knoblauch und Sauerrahm, perfekt gegen Vampirbisse und würziger Mitsch, die rumänische Antwort auf Ćevapčići, saftig gegrillt und mit scharfem Senf serviert. Als wir sahen, wie sich die Autos mittlerweile den Pass hinaufstauten, waren wir froh, unseren Aufstieg in der Stille der Morgendämmerung begonnen zu haben.



Bran: Der Kulturschock
Das nächste Ziel sollte der Höhepunkt des Grusel-Faktors werden: Schloss Bran, weltweit als „Dracula-Schloss" vermarktet. Nach der wilden Unberechenbarkeit der Karpatengipfel fühlte sich die Ankunft in Bran an wie ein Kulturschock der kommerziellen Art. Schon von Weitem thront das Schloss spektakulär auf seinem Felsen, genau so, wie man es von alten Filmplakaten kennt. Doch am Fuß des Berges zerschellte die romantische Gruselvorstellung an der Realität des Massentourismus. Schloss Bran ist das Epizentrum des rumänischen Dracula-Hypes, eine perfekt inszenierte Touristenfalle, die gnadenlos auf dem Mythos reitet. Ein einziges Jahrmarktspektakel. Überall billige Souvenirs aus Fernost. Plastik-Vampirzähne, die im Dunkeln leuchten, T-Shirts mit kitschigen Blutspuren, unzählige Staubfänger. Das Schloss selbst ist eine wunderschöne, gepflegte mittelalterliche Burg, keine Frage, aber der Geist von Vlad III. Drăculea, besser bekannt als Vlad der Pfähler, dem historischen Vorbild für Dracula, war hier nirgends zu finden. Drinnen schoben wir uns in einer endlosen Schlange durch kleine, verwinkelte Räume, die eigentlich viel zu gemütlich für einen blutrünstigen Grafen wirkten. Tatsächlich hat der historische Vlad hier wohl nie wirklich residiert. An jeder Ecke spürte man den krampfhaften Versuch, eine Verbindung zu Bram Stokers Roman herzustellen, die es in der Realität
nie gab.
Tim und ich tauschten nur kurze, vielsagende Blicke. Nach der körperlichen Grenzerfahrung am Arpașul Mare wirkte dieser inszenierte Grusel fast niedlich. Wir hatten auf dem Bergrat mehr Dracula-Atmosphäre in der Stille der Natur gespürt als in diesen souvenirverseuchten Mauern. Eine wichtige Lektion unserer Reise: Die wahre Magie Transsilvaniens liegt nicht in Eintrittskarten und Plastikzähnen, sondern im Nebel der einsamen Wälder und den schroffen Gipfeln der Karpaten.

Sighișoara und Poenari
Um den faden Beigeschmack von Bran loszuwerden, steuerten wir Ziele an, die weniger glänzten, dafür eine tiefere Wahrheit in sich trugen. Zuerst Sighișoara, das alte Schäßburg. Sobald man durch die Tore der mittelalterlichen Zitadelle tritt, fühlt man sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Ein Juwel aus Kopfsteinpflaster und bunten Häusern – doch in einer unscheinbaren Ecke des Platzes wartete die Geschichte: das Geburtshaus von Vlad III. Drăculea.Hier, in den engen Räumen eines ockerfarbenen Hauses, kam der Mann zur Welt, der später als „der Pfähler" in die Geschichte eingehen sollte. Keine Plastikzähne, nur die drückende Präsenz eines echten historischen Erbes. Man spürte förmlich, wie der junge Vlad hier aufwuchs, bevor er in osmanische Geiselhaft geriet - eine Erfahrung, die seinen grausamen Charakter formen sollte. Sighișoara war der atmosphärische Gegenentwurf zu Bran, echt, stolz, ein wenig unheimlich in seiner zeitlosen Schönheit.

Das wahre Gesicht des Drachen aber erwartete uns an der Ruine von Poenari, westlich der Transfăgărășan gelegen. Wer das echte Schloss Dracula sucht, muss bereit sein zu leiden. Über 1.400 steile Stufen führen durch einen dichten, dunklen Wald hinauf zu den Überresten der Festung, die Vlad der Pfähler mit den Händen seiner Feinde erbauen ließ.Stufe um Stufe stiegen wir hinauf, die Muskeln brannten noch vom Arpașul Mare. Die Luft wurde kühler, die Stille dichter. Oben angekommen, bot sich uns ein Anblick, der Bran in den Schatten stellte. Keine Schlangen, keine Souvenirs aus Fernost. Nur die nackten, grauen Steine einer Ruine, die einsam auf einem schmalen Felsgrat über der Schlucht des Argeș thront.
Der Blick hinunter in das tiefe, grüne Nichts der Karpaten, mit aufsteigenden Nebelschwaden, war schwindelerregend. Hier war er wieder, dieser Schauer aus der Knochenkapelle. In Poenari gab es keinen Kitsch – nur die harte, blutige Realität eines Mannes, der seine Heimat mit einer Grausamkeit verteidigte, die zur Legende wurde. Als wir dort oben standen, Tim und ich, und über das weite Land blickten, wussten wir: Das war der Moment, für den wir diese weite Reise angetreten hatten. Wir hatten den Mythos gesucht und in der einsamen Stille dieser Ruine endlich gefunden. Zwischen den zerfallenen Mauern, wo der Wind mit einem hohlen, fast klagenden Ton durch die leeren Fensterhöhlen pfiff, verstanden wir, warum Bram Stoker diese Region als Heimat für sein Monster gewählt hatte. Das Licht der untergehenden Sonne warf lange, verzerrte Schatten über die Mauerreste - kein friedliches Verlöschen, eher ein lauerndes Innehalten der Natur.
Die Schatten der Karpaten legten sich wie schwarze Schwingen über das Tal. Man konnte sich mühelos vorstellen, wie hier einst ein einsames Licht in der Dunkelheit brannte, während der Rest der Welt in Furcht vor dem „Drachen" erstarrte. In dieser Stille fühlten wir die wahre, dunkle Romantik Transsilvaniens - eine, die kein Buch und kein Film je vollständig einfangen kann.

Servus Transylvania
Damit war unser Dracula-Programm abgeschlossen - zumindest das Kapitel, das wir zu zweit geschrieben hatten. Doch die Reise war noch nicht zu Ende. Statt direkt gen Heimat zu fahren, ging es weiter zum Flughafen von Sibiu. Mama landete, und mit ihr kehrte ein Stück Normalität in unseren von Ruinen, Knochen und Nebel getränkten Trip zurück - Umarmungen, Gepäck, die vertraute Hektik eines Ankunftsterminals, mitten im Herzen Siebenbürgens.
Doch ganz konnte Transsilvanien uns noch nicht loslassen. Gemeinsam brachen wir zum Servus-Transylvania-Konzert auf, das Tims Opa organisiert hatte. Schauplatz war der Sportplatz von Biertan, direkt im Schatten der wuchtigen Kirchenburg, einer der sieben Wehrkirchen der Siebenbürger Sachsen, deren Mauern schon Jahrhunderte an Stürmen, Belagerungen und wohl auch an Legenden überstanden hatten.
Auf dem staubigen Rasen, wo sonst wohl der lokale Fußballverein seine Tore feierte, stand jetzt eine Bühne mit Bässen und E-Gitarren, und über dem Spielfeld thronte, fast wie ein stiller Zuschauer, die jahrhundertealte Silhouette der Kirchenburg. Moderne Rockmusik hallte über den Platz und brach sich an den massiven Wehrmauern im Hintergrund, Scheinwerferlicht tanzte gegen den Nachthimmel, während die alten Zinnen unbewegt darüber wachten.
Es fühlte sich an wie eine späte Antwort auf all die Kontraste dieser Reise - auf das kommerzielle Spektakel von Bran ebenso wie auf die ehrfürchtige Stille der Karpaten. Hier, auf diesem Sportplatz zu Füßen von Biertan, verschmolzen Alt und Neu zu etwas Drittem: kein Kitsch, keine Inszenierung für Touristen, sondern echte Menschen, die ihre Geschichte lebendig hielten, und feierten.


Zwischen den Klängen und dem Anblick der wachenden Kirchenburg, mit Mama an unserer Seite und der Erinnerung an Nebel, Knochen und Berggrat noch frisch in den Gliedern, schloss sich der Kreis unserer rumänischen Reise auf eine Weise, die kein Reiseführer hätte planen können. Vor allem wie seltsam passend es war, dass die Reise nicht in Stille, sondern in Rockmusik endete.

Bram Stoker hatte uns den Vorwand für diese Reise geliefert, aber Rumänien hatte uns die eigentliche Geschichte geschrieben. Wir hatten Dracula nicht in einer Gruft gefunden, sondern in der rauen, wilden Schönheit der Karpaten, in der Geschichte eines stolzen Volkes und, ganz zum Schluss, in der Musik, die noch lange nachhallte. Am Ende bleiben nicht die Souvenirs - sondern die Momente, in denen man gemeinsam über dem Nebel stand und die Welt für einen Augenblick stillzustehen schien.

Vlad III. Drăculea im Deutschen vor allem bekannt als Vlad der Pfähler (rumänisch Vlad Țepeș). 
(ca. 1431–1476) war ein Fürst der Walachei. Berühmt-berüchtigt wurde er für seine grausame Bestrafungsmethode - das Pfählen von Feinden und Kriminellen. Er diente Bram Stoker als historische Inspiration für die weltbekannte Romanfigur des Vampirs Graf Dracula.



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