#LOG 12 – Von den Schatten der Pyramiden zum Licht Nubiens
„Alles fürchtet sich vor der Zeit, aber die Zeit fürchtet sich vor den Pyramiden.“ Ein altägyptisches Sprichwort - und ich glaube, es stimmt.
Es gibt Reisen, die einen entschleunigen, bevor man selbst begreift, dass man entschleunigt wird. Unsere Fahrt flussaufwärts von Kairo nach Assuan gehörte dazu. Während die großen Kreuzfahrtriesen erst in Luxor ablegen, glitten wir auf einem kleinen, wendigen Schiff bereits ab Kairo nilaufwärts, fernab der ausgetretenen Pfade.
Noch bevor wir Kairo in Richtung Nil verließen, standen wir im alten Ägyptischen Museum am Tahrir-Platz vor jener Ausstellung, die die ganze Stadt bis heute in Atem hält: Dem Schatz des Tutanchamun. Howard Carter war 1922 im Tal der Könige nach Jahren vergeblicher Suche auf eine versiegelte Tür gestoßen und fand dahinter das Grab eines jungen, historisch fast bedeutungslosen Pharaos - unberührt, vollständig, samt allen Grabbeigaben für seine Reise ins Jenseits. Was mich sprachlos machte, war nicht nur die goldene Totenmaske selbst, aus purem Gold, mit diesem ruhigen, fast sanften Gesichtsausdruck - es war die schiere Menge an Pracht, die ein einziges, eher unbedeutendes Königsgrab enthalten konnte. Wenn schon ein Nebenpharao mit solchem Reichtum ins Jenseits geschickt wurde, fragte ich mich vor der Vitrine, was dann erst in den längst geplünderten Gräbern der wirklich großen Könige gelegen haben mag, von denen wir heute nichts mehr wissen.
Der Startschuss der eigentlichen Reise fiel dann in Gizeh. Die Cheops-Pyramide, das einzige der sieben antiken Weltwunder, das die Zeit überdauert hat, und kaum vorstellbar: Rund viertausend Jahre war sie mit rund 146 Metern das höchste Bauwerk der Welt, bis irgendwann im Mittelalter die ersten großen Kathedralen Europas sie überragten.
Die Pyramiden sind der Inbegriff der Ewigkeit, doch es war die Sphinx, die mich am längsten festhielt. Sie liegt dort seit fast viereinhalbtausend Jahren, nicht Stein auf Stein errichtet wie die Pyramiden hinter ihr, sondern aus dem gewachsenen Kalksteinfelsen des Plateaus selbst herausgeschlagen, ein einziger gewaltiger Monolith mit dem Körper eines Löwen und dem Gesicht eines Königs. Das Faszinierende an ihr ist nicht nur ihre schiere Größe, sondern ihr Blick: Exakt nach Osten ausgerichtet, den ersten Sonnenstrahlen entgegen, als warte sie seit Jahrtausenden reglos auf immer denselben Sonnenaufgang. Die Nase fehlt, abgeschlagen - die Ursache bis heute umstritten, Erosion oder mutwillige Zerstörung, jede Epoche hat ihre eigene Legende dazu erfunden. Je länger ich hinsah, desto mehr fiel mir auf, wie seltsam klein ihr Kopf im Verhältnis zum gewaltigen Löwenkörper wirkt, fast so, als gehöre er nicht ganz zu ihm. Manche Forscher vermuten, der ursprüngliche Kopf sei irgendwann überarbeitet und verkleinert worden, um das Gesicht eines Pharaos zu tragen. Ein stiller Hinweis darauf, dass selbst die Sphinx nicht mehr ganz die ist, als die sie einst entstand. Gerade das macht wohl ihr eigentliches Geheimnis aus. Eine Figur, über deren wahres Alter und ursprüngliche Gestalt sich selbst Ägyptologen bis heute streiten. Mir war es egal ob der Kopf, ein paar tausend Jahre, jünger ist wie der Körper, oder andersherum. Ich blieb einfach stehen und spürte, wie klein die eigene Lebenszeit neben dieser stummen, geduldigen Wache wirkte, und wieviel Generationen von Menschen vor mir hier standen und sie bestaunten.
Von außen gesehen ist das alles sehr beindruckend, aber wie sieht ein Pyramide von innen aus? Das erlebte ich in Sakkara, in der Grabkammer der Teti-Pyramide, erbaut um 2300 v. Chr. Wer glaubt, in einer Steinpyramide herrsche die kühle Stille einer Gruft, irrt gewaltig. Der Abstieg war eine Reise in die Enge. Ein steiler, so niedriger Gang, dass man sich klein machen musste, fast so, als hätte der Baumeister die Demut gleich mit einprogrammiert. Mit jedem Meter, den ich tiefer ins Herz des Bauwerks vordrang, schien das Gewicht der Millionen Tonnen Gestein über mir physisch spürbar zu werden. Die Luft wurde nicht frisch - sie wurde dick, stehend, schwer. Statt kühler Grabesruhe empfing mich stickige, schwüle Hitze. In der Kammer selbst, umgeben von den feinen Hieroglyphen der Pyramidentexte, überkam mich ein Schauer. Das Gefühl, lebendig begraben zu sein, in einem Raum, der nie für die Lebenden gedacht war.
Umso größer der Moment der Rückkehr. Als ich mich wieder ans Licht emporgearbeitet und den ersten Atemzug heißer, aber freier Wüstenluft genommen hatte, war das wie eine kleine Wiedergeburt. In diesem Augenblick verstand ich den Kern der ägyptischen Mythologie zum ersten Mal nicht nur mit dem Kopf, sondern im Körper. Die stickige, dunkle Unterwelt der Duat auf der einen Seite, das strahlende, lebenspendende Licht des Sonnengottes Re auf der anderen. Man muss offenbar erst im Bauch der Erde verschwinden, um die Freiheit des Lichts wieder als Geschenk zu begreifen.
Während unser Schiff nach Süden zog, fernab der großen Touristenströme, die erst in Luxor einsetzen, lernten wir den Nil als lebendiges Wesen kennen. Das Schiff war klein genug, dem Rhythmus des Wassers zu folgen, und wir hatten das Privileg, einem Kapitän zuzusehen, der schon in fünfter Generation die Sprache des Flusses sprach. Er las die Sandbänke, die sich nach jeder Flut neu sortieren, wie ein flüchtiges Manuskript, wohl wissend, dass er denselben Nil niemals zweimal befährt, weil dieser sich jede Sekunde neu erschafft.
An den Ufern zogen kleine, halb im Sand versunkene Tempel vorbei. Immer wieder legten wir an, und machten uns zu Fuß auf den Weg, um diese verlassen wirkenden Zeugen einer längst vergangenen Zeit aus der Nähe zu betrachten. Die Hitze flimmerte über dem Sand, während wir zwischen den alten Mauern Schatten suchten.
Dann schließlich Abydos - der Tempel, über den ich am meisten gelesen hatte und der mich am meisten interessierte, nicht zuletzt wegen Omm Setys Reinkarnationsgeschichte und Erich von Dänikens berühmter Interpretation der sogenannten „Helikopter-Hieroglyphen“.
Däniken sah in einem Relief im Tempel des Sethos I. die Darstellung eines modernen Hubschraubers - daneben vermeintlich weitere moderne Flug- und Militärfahrzeuge. Für ihn war diese Darstellung ein mögliches Indiz dafür, dass die Menschen im alten Ägypten Wissen oder Begegnungen mit einer technisch weit fortgeschrittenen Zivilisation gehabt haben könnten.
Die Ägyptologie erklärt das Bild allerdings anders. Die auffälligen Formen entstanden durch übereinanderliegende Inschriften aus verschiedenen Regierungszeiten, deren Zeichen sich teilweise überlagern. Gerade dieser Gegensatz machte die Stelle für mich interessant. Denn unabhängig davon, welcher Erklärung man folgt, steht man dort vor einem Bild, das einen unweigerlich zum Nachdenken bringt:
Was sehen wir tatsächlich - und was sehen wir nur, weil unser heutiges Wissen uns bestimmte Formen erkennen lässt? Ich habe auf jeden Fall Cleo auf der Tafel gesehen, gleich links neben dem Helikopter ist eine Motte abgebildet. Das ist für mich der Reiz solcher Orte. Sie geben nicht auf jede Frage eine Antwort. Sie stellen einfach neue Fragen.
Doch Abydos hatte noch eine ganz andere Seite, die mit technischen Rätseln nichts zu tun hatte. Schon der erste Blick auf den Tempel ließ mich verstehen, warum dieser Ort seit Jahrhunderten eine besondere Faszination ausübt. Das Bild des „im Wasser stehenden Tempels“ gehört zu den atmosphärischen Erlebnissen der Nilreise. Ein prachtvoller Haupttempel des Sethos I., und dahinter, in einer tiefen Senke, das Osireion, ein megalithisches Bauwerk, das architektonisch völlig aus dem Rahmen fällt. Während der Haupttempel filigran und reich verziert ist, besteht das Osireion aus riesigen, schmucklosen Granitblöcken, die in smaragdgrünem Wasser stehen.
Der Weg dorthin führt, wie meistens, durch einen Händlermarkt - ein Spießrutenlauf der Sinne, umringt von Rufen, Gewürzduft, bunt leuchtenden Alabasterfiguren, unvermeidlichen Angeboten für Tücher und Skarabäen. Die Händler sind geschäftstüchtig, laut und herzlich zugleich; man muss es sportlich nehmen.
Für mich ist es fast eine Reinigung durch das Chaos. Man kämpft sich erst durchs weltliche Getümmel, durchs Feilschen, durchs geschäftige Hier und Jetzt, um die Schwelle zur Ewigkeit zu überschreiten. Wenn das Marktgeschrei hinter einem verblasst, wirkt die Stille in den Säulenhallen des Sethos-Tempels umso mächtiger - als gäbe man den Lärm des Egos am Eingang ab, um bereit zu sein für das in Stein gehauene Jenseits der Götter.
Was man in Abydos vor allem empfindet, ist Ehrfurcht. Das Licht fällt nur spärlich durch die hohen Öffnungen und taucht die meisterhaften Reliefs in dämmriges Gold; die Farben an den Wänden wirken oft so frisch, als hätten die Maler erst gestern die Pinsel niedergelegt. Während ich die Reliefs betrachtete, fiel ein einzelner, scharf gebündelter Sonnenstrahl durch eine Öffnung in der hohen Decke. Wie gerufen trat ich genau in diesen Lichtkegel. In der Dunkelheit der Halle wirkte es, als existiere das Licht nur für diesen einen Punkt. Es traf meine weiße Mütze, die plötzlich hell aufleuchtete, fast wie eine Krone aus purem Licht. In diesem Moment fühlte ich mich nicht mehr wie ein fremder Besucher, ich gehörte dazu. Dort oben die ewigen Götter an den Wänden, hier unten ich, der Reisende im Licht, verbunden durch einen Sonnenstrahl, den schon die Priester vor dreitausend Jahren genau so beobachtet haben müssen.
Gleich nebenan liegt die berühmte Königsliste, auf der die Namen der Pharaonen wie eine endlose Kette in den Stein gemeißelt sind – ein steinerner Stammbaum, der Ordnung in das Chaos der Zeit bringen sollte. Mein Namensvetter Alexander der Große fehlt hier, er betrat die Weltbühne erst tausend Jahre später. Aber gerade er war es, der in Luxor begriff, dass man sich in diese uralte Bildsprache einschreiben muss, um unsterblich zu werden - ein Grieche, der sich in ägyptische Ewigkeit meißeln ließ. Während er nach dieser Unsterblichkeit in den Hieroglyphen suchte, genügte mir dieser eine helle Moment im Lichtkegel, um zu begreifen: Die Geschichte ist nicht tot, sie wartet nur darauf, dass wir uns kurz in ihr Licht stellen.
Das Echo der Omm Sety
Zu Abydos gehörte für mich von Anfang an eine Geschichte, die ich Jahre zuvor in einem National-Geographic-Artikel gelesen hatte, die Geschichte der Omm Sety.
Sie liest sich wie ein Roman, der die Grenze zwischen Vernunft und Mythos aufhebt. Alles begann im London des Jahres 1904: Die dreijährige Dorothy Eady stürzte eine Treppe hinunter und wurde von den Ärzten bereits für tot erklärt. Doch sie erwachte wieder und mit ihr eine Erinnerung, die in kein englisches Kinderzimmer passte. Von diesem Moment an litt das Kind unter einem quälenden Heimweh nach einem Ort, den es nie besucht hatte. Bei einem Besuch im Britischen Museum kam die Offenbarung: Inmitten der ägyptischen Statuen fand Dorothy ihren Frieden und identifizierte, weinend, eine Fotografie des Tempels von Sethos I. in Abydos als ihr wahres Zuhause - irritiert nur darüber,
wo all die Bäume und Gärten geblieben seien, die sie in ihrem „Gedächtnis“ sah.
Die Visionen vertieften sich über die Jahre zur Erzählung eines früheren Lebens als Tempelnovizin im alten Ägypten. Eine verbotene Liebe zum Pharao Sethos I., eine Schwangerschaft, ein Freitod, um den Herrscher vor dem Skandal zu bewahren. Was viele als kindliche Fantasie, später als exzentrische Besessenheit abgetan hätten, gewann eine völlig neue Dimension, als Dorothy in den 1930er-Jahren tatsächlich nach Ägypten auswanderte und 1954 nach Abydos zog. Dort wurde sie zur unschätzbaren Mitarbeiterin der Archäologie. Sie führte Forscher zielsicher zu Stellen, an denen die Überreste der antiken Tempelgärten lagen - genau dort, wo sie sie als Kind beschrieben hatte. Sie deutete Inschriften und sagte architektonische Details voraus, noch bevor der Spaten die Erde berührte. Tagsüber arbeitete sie mit wissenschaftlicher Akribie für das Antiquitätenamt, nachts wurde sie zur antiken Priesterin, die barfuß und betend durch die dunklen Hallen schritt und den alten Göttern opferte. Sie lebte in einem einfachen Lehmhaus, respektiert von der Wissenschaft, verehrt von den Einheimischen, bis sie 1981 in Abydos starb.
Für mich passt keine Reinkarnationsgeschichte besser an einen Ort als diese hierher. Das Osireion galt als Grab des Osiris, des Gottes der Unterwelt und der Wiedergeburt - tiefer gebaut als der übrige Komplex, direkt verbunden mit dem Grundwasser des Nils. Im ägyptischen Weltbild war das Jenseits keine ferne Wolke, sondern eng mit dem Urwasser, dem Nun, verwoben; Osiris war nicht nur Totengott, sondern auch Gott der Fruchtbarkeit und des Nilwassers. Dass sein symbolisches Grab im Wasser steht, versinnbildlicht den Kreislauf des Lebens: Aus dem Tod im Grab und dem Wasser des Nils entspringt neues Leben, das Grün der Pflanzen. Grün, die Farbe des Osiris und heute noch die Farbe des Wassers, das dort schimmert. Kein Defekt der Zeit, kein zufälliges Hochwasser, sondern das Design einer Kultur, die genau wusste, wie man Göttern eine Heimat aus Stein und Wasser baut.
Ich musste beim schreiben an Cleo denken. An jenen Morgen am Jenny Lake, als sich eine Sphinx-Motte auf meine Hand setzte und ein alter Mann später sagte, sie stehe für Verwandlung, für das Vertrauen, dem Licht zu folgen, ohne zu wissen, wohin es führt. Omm Sety hatte ihr Licht gefunden, indem sie einer Erinnerung folgte, die älter war als sie selbst.
Dieser Gedanke an Verwandlung begleitet mich auch hier am Nil. Aus dem Wasser entsteht Leben, mitten in einer Landschaft, die sonst nur aus Wüste besteht.
Besonders deutlich wird das aus der Luft. Ein tiefgrünes, fruchtbares Band der Lebens zieht sich wie eine Ader durch die schier endlose, ockerfarbene Wüste. Wo das Wasser endet, beginnt unmittelbar der Sand.
Man begreift, warum Herodot sagte, Ägypten sei ein Geschenk des Nils. Ohne diesen schmalen Streifen gäbe es hier nichts als Stille.
Auf dem Rückweg zum Schiff tauchten wir wieder ein in das bunte, wuselige Leben der modernen Ägypter. Wer diesen Weg geht, begreift schnell: Ägypten ist immer beides - ein lautes Fest für die Lebenden und ein ewiges Gebet für die Toten.
Weiter südlich lag das Tal der Könige, ein steinernes Archiv der Ewigkeit in der glühenden Hitze der thebanischen Berge. Besonders eindrücklich und auf fast irritierende Weise modern wirkte der Totentempel der Hatschepsut, mit seinen strengen Terrassen und klaren Pfeilerreihen, der mich unwillkürlich an die kühle Monumentalarchitektur des 20. Jahrhunderts erinnerte.
Hinter dieser Strenge aber verbirgt sich eine der kühnsten Biografien der Weltgeschichte: eine Frau, die in einer Welt, in der der Pharao als irdische Verkörperung des Gottes Horus galt, den Thron für sich beanspruchte und sich dafür mit zeremoniellem Bart darstellen ließ. Nicht um zu verbergen, dass sie eine Frau war, sondern um zu zeigen, dass sie die volle göttliche Autorität eines Königs besaß. Statt vor allem Kriege zu führen, schickte sie Expeditionen ins ferne Punt, das Goldland, und bescherte Ägypten eine Ära des Friedens und Reichtums. Ein Relief in der Punthalle des Totentempels erzählt bis heute davon.
Die wahre Dimension dieses geschichtsträchtigen Bodens erschloss sich mir aber erst aus der Luft - begleitet von einer gehörigen Portion Unbehagen. Ich hatte mich zu einer Ballonfahrt bei Sonnenaufgang überreden lassen. Während die ersten goldenen Strahlen des Re die Kalksteinfelsen des Tals der Könige in unwirkliches Licht tauchten, kämpfte ich in der Tiefe meines Magens mit der Physik. Ich stand in diesem riesigen Korb, mit rund zwanzig anderen Menschen, und konnte einfach nicht begreifen, wie diese Last nur am dünnen Stoff der Ballonhülle hängen sollte. Es fühlte sich zu filigran an, fast leichtsinnig, so hoch über den Gräbern der Pharaonen zu schweben, getragen allein von heißer Luft und dem Vertrauen in eine jahrtausendealte Handwerkskunst. Doch als der Brenner kurz schwieg und wir lautlos über die Totentempel und das schimmernde Grün des Nilufers glitten, wich die Angst dem Staunen über die Unendlichkeit.
Die Fahrt führte weiter Flussaufwärts. Im Luxor-Tempel entdeckte ich die in Stein gemeißelte Kartusche Alexanders des Großen. Eine Kartusche ist jenes ovale, einem Seil nachempfundene Band, mit dem die alten Ägypter die Hieroglyphen eines Königsnamens umschlossen - eine Umrandung, zur Abwehr des Bösen und ihm zugleich ewigen Bestand verleihen sollte, ein in Stein gefasster Ring der Unsterblichkeit. Darin stand, anders als ich zunächst annahm, nicht „Alexander der Große", sondern sein ägyptischer Thronname: Alexander, Sohn des Re. Ein Eroberer, der begriffen hatte, dass man ein Volk nur wirklich beherrscht, wenn man auch seine Mythen betritt – und sich selbst in sie einschreiben lässt.
Ich stand davor und ließ mir von unserem Guide Zeichen für Zeichen übersetzen, bis ich tatsächlich meinen eigenen Namen darin lesen konnte - dieselben Laute, in Stein gehauen vor über zweitausend Jahren.
Er besteht aus mehreren Hieroglyphen: 𓄿 𓃭 𓎡 𓊃 𓇋 𓈖 𓂧 𓂋 𓊃 Bedeutung der Bildzeichen in Buchstaben:
A =Ägyptischer Geier - L = Liegender Löwe - K = Korb mit Henkel - S = Türriegel - I = Schilfblatt -
N = Wasserlinie - D =Hand - R = Mund - S = Türriegel
Von rechts nach links gelesen ergibt das den Namen A-l-k-s-i-n-d-r-s – die altägyptische Schreibweise für Alexandros, die altägyptische Sprache lautmäßig angepasst wurde. Die alten Ägypter nutzten in ihren Hieroglyphen keine Vokale, sondern schrieben fast ausschließlich in Konsonanten.
Es war bemerkenswert, den eigenen Namen im Stein zu erkennen, eingeschrieben in eine Sprache, die älter ist als alles was ich kenne.
Noch weiter südlich, in den alten Steinbrüchen von Assuan, liegt der unvollendete Obelisk: gewaltig, roh und von erstaunlicher Präzision. Die Technik der alten Ägypter war genial einfach – Löcher in den harten Granit geschlagen, Holzkeile hineingetrieben, Wasser darübergegossen. Das quellende Holz sprengte den Fels mit einer Genauigkeit, die bis heute staunen lässt.
Der Isis-Tempel von Philae, der wie eine schwimmende Lotosblüte auf seiner Insel thront, erzählt von der großen Göttin, die ihren Gatten Osiris aus den Fragmenten des Todes wieder zum Leben erweckte – die Urgeschichte von Verlust und Wiedergeburt.
In Assuan angekommen, atmete ich schließlich den Geist dieser vergangenen Epochen ein, bei einer Tasse Tee auf der Terrasse des Old Cataract Hotels, das auf einer rosafarbenen Granitklippe über dem östlichen Nilufer liegt. Hier saß schon Agatha Christie und schrieb „Tod auf dem Nil“. Mit Blick auf die vorbeigleitenden Segel der Feluken, weiß wie Flügel über dem Wasser, und die nubischen Dörfer am gegenüberliegenden Ufer, fühlte ich mich endgültig in einer anderen Zeitrechnung angekommen. Während die Sonne hinter den Felsen versank, verstand ich: Der Nil fließt nicht nur durch Ägypten, er fließt durch die Zeit selbst. Und ich bin für einen kurzen, kostbaren Moment mitgeschwommen.










































































































