Wie ich auf meiner ersten großen Reise zu einem Geschenk Gottes wurde  #LOG 010

Log Entry - 1990

Position 29° 50′ 30″ N , 6° 31′ 2″ W.

Nationalpark Iriqui, Marokko - المتنزه الوطني

Weather: Clear and hot

Altitude: 1 - 2260m

#LOG 010 – Meine erste Reise und wie ich am Rande der Sahara zu einem Geschenk Gottes wurde
Eigentlich müsste dieses Kapitel #Log0 sein - der Ursprung, der mich prägte, von dem aus alles andere erst möglich wurde. Leider ohne Bilder.

Die frühen Neunziger hatten eine ganz eigene Magie, keine GPS-Punkte, kein Smartphone, nur ein Interrail-Pass und ein blindes Vertrauen in die Welt. Es war der Sommer 1990, Deutschland wurde gerade Fußball-Weltmeister, und ich hatte das Gefühl, die Welt stehe extra für mich weit offen. Im Rucksack: ein zerfleddertes Interrail-Ticket, vier Wochen gültig, und ein Plan von der schönsten Einfachheit - zwei Wochen so weit wie möglich nach Süden, bis in den Sand der Sahara, zwei Wochen zurück.

Im Zug Richtung Süden traf ich Scharen von Gleichgesinnten. Die meisten schwärmten von den Stränden der Costa Brava, von den Partys in Lloret de Mar, und stiegen dort aus. Für mich ging es weiter, bis das Blau des Mittelmeers in Algeciras endete und am Horizont die Silhouette Afrikas auftauchte. Eine Nacht verbrachte ich unter dem Affenfelsen von Gibraltar, dann ging es hinunter zum Hafen.

Tanger
Als die Fähre in Tanger anlegte, schlug mir die Hitze wie eine physische Wand entgegen, ein Gemisch aus Salz, Minze und Diesel. Tanger war damals noch der wilde, leicht verruchte Außenposten Afrikas, und er empfing mich mit einer Intensität, die mich fast umwarf. Kaum hatte ich den Hafen verlassen, zog es mich in das Labyrinth der Gassen. Mein erster Kontakt mit der marokkanischen Geschäftswelt war eine Lektion in Psychologie. Ein freundlicher Herr lud mich „nur auf einen Tee" in sein Geschäft ein, und ehe ich mich versah, breiteten drei Männer prachtvolle Kelims und handgeknüpfte Teppiche vor mir aus. Die Farben waren berauschend, mein Rucksack war voll, mein Budget knapp. Ein beklemmendes schlechtes Gewissen stieg in mir auf - wie konnte ich all diesen Tee trinken, all diese Mühe beanspruchen, ohne etwas zu kaufen?
Die Rettung war ein simpler Tauschhandel, ein paar Feuerzeuge, mein Kugelschreiber, der in vier Farben schrieb. Kleine Dinge, großer Erfolg, ein winziger Souveniraustausch löste die ganze Anspannung. Plötzlich war alles „Tamam", okay. Man klopfte mir auf die Schulter, und ich zog weiter, ohne Teppich, aber mit der Erkenntnis, dass Sympathie oft mehr wert ist als Geld.
Ein paar Läden weiter kaufte ich mir noch ein traditionelles marokkanisches Djellaba-Gewand, um nicht länger als Touri aufzufallen - ein Vorhaben, das sich, wie sich zeigen sollte, als vollkommen sinnlos erweisen würde.

Dritte Klasse

Die Fahrt von Tanger nach Marrakesch wurde zu einem langen, ratternden Abenteuer. Unwissend hatte ich mich in die dritte Klasse gesetzt.
Ich machte Zwischenstopps in Rabat und Casablanca, aber das eigentliche Erlebnis war der Zug selbst. Um mich herum ein unglaubliches Gewusel: Bauern mit Ziegen, Körbe voller gackernder Hühner, der ständige Austausch von Fladenbrot und Oliven. Als der Schaffner kam und mein Ticket sah, schüttelte er den Kopf. Mit meinem Interrail-Pass, erklärte er, dürfte ich eigentlich in der zweiten Klasse sitzen, bei Polstersitzen und Ruhe. Es war mir egal. Ich blieb an der offenen Waggontür, die Beine fast im Freien, den warmen Fahrtwind im Gesicht, mitten im Lärm und Leben der Tiere. Der Schaffner verstand die Welt nicht mehr und schüttelte lachend den Kopf. Für mich aber war genau das die Freiheit, die ich gesucht hatte.

Marrakesch
Marrakesch war 1990 ein Rausch. Nach einem langen Irrweg durch die Stadt stand ich endlich vor der Jugendherberge. Von außen wirkte das Gebäude fast abweisend, eine graue, staubige Fassade in einer unscheinbaren Gasse. Doch als ich die schwere Holztür durchschritt, wurde es plötzlich still, der Moment des Eintretens fühlte sich an wie ein Schnitt im Film. Ich war in ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht gestolpert: Ein prächtiges Atrium, in dessen Mitte ein Brunnen plätscherte und die Luft kühler wirken ließ, als sie war. Stuck und Fliesen an den Wänden, eine Ruhe, die absolut war. Ein kleiner Palast, der sich vor der Welt versteckte - für mich ein architektonisches Rätsel.

Abends zog es mich auf den Djemaa el Fna, den zentralen Marktplatz. Ein brodelnder Kessel: Schlangenbeschwörer, deren Flötenmusik in den Ohren hallte, Geschichtenerzähler, Wasserträger, Orangensaftstände, Garküchen, aus denen der Duft von gegrilltem Lamm und Kreuzkümmel aufstieg. Ich saß auf der Dachterrasse eines kleinen Cafés an der Nordseite des Platzes und sah der Sonne beim Untergehen zu. Zuerst verändert sich das Licht. Die ohnehin rötlichen Mauern beginnen im Gegenlicht der tiefstehenden Sonne zu glühen, als leuchteten sie von innen. Über den Dächern kreisen Hunderte Schwalben, ihre schrillen Rufe läuten das Ende des Tages ein.

Dann, fast zeitgleich, bricht der Ruf der Muezzine los. Er beginnt bei der Koutoubia-Moschee, der größten der Stadt, breitet sich wie eine Klangwelle über den Platz aus, bis er von den umliegenden Minaretten vielstimmig erwidert wird. In diesem Augenblick scheint die Zeit stillzustehen, ein tiefer, spiritueller Ernst legt sich über das Chaos der Stadt. Bis heute kehrt diese Erinnerung zurück, sobald ich irgendwo den Ruf eines Muezzins zum Abendgebet höre.

Während es dunkel wird, verwandelt sich der Platz in ein flimmerndes Lichtermeer, der Lärmpegel schwillt zu einem hypnotischen Summen an. Von der Terrasse aus höre ich ein orchestrales Durcheinander: das rhythmische Schlagen der Gnaoua-Trommeln vermischt mit den hohen Tönen der Schlangenbeschwörer-Flöten, dazwischen die Rufe der Wasserverkäufer in ihren bunten Trachten und das Geschrei der Marktschreier. Oben, in relativer Ruhe, nippe ich an meinem heißen, zuckersüßen Pfefferminztee und spüre den ersten kühlen Lufthauch des Abends. Unten tobt das pralle, ungefilterte Leben Marokkos. Ich fühle mich wie ein Zuschauer in einem antiken Theater, das seit tausend Jahren dasselbe Stück aufführt - und doch ist jeder Abend neu. Und ich weiß: In wenigen Minuten werde ich selbst wieder Teil dieses wogenden Meeres aus Menschen, Gerüchen und Klängen sein.
Der Kellner erzählt mir, der Platz habe im Mittelalter als Hinrichtungsstätte gedient, daher der Name. Djemaa el Fna – „Platz der Geköpften". Schön, dass sich das geändert hat.

Neun Tage hatte ich nun für die dreitausend Kilometer von Stuttgart nach Marrakesch gebraucht. Am nächsten Tag würde ich weiter nach Süden ziehen, aber nicht, ohne vorher, kurz vom Bahnhof aus, mit meinen letzten Dirham-Münzen dreißig Sekunden lang bei Mutti anzurufen, um zu sagen, dass alles paletti ist.

Der See, der keiner war
Auf meiner Karte war ein blauer Fleck verzeichnet, der Lake Iriqui. Ich stellte mir eine üppige Oase vor, ein Paradies am Rand der Dünen von Erg Chegaga, nahe der algerischen Grenze, und beschloss, der alten, legendären Karawanenstraße nach Timbuktu zu folgen - jener Route, auf der einst riesige Kamelkarawanen Salz, Gold und Elfenbein durch die unerbittliche Leere der Wüste trugen.
Mit Bussen und Sammeltaxis kämpfte ich mich über den Tizi n'Tichka-Pass im Hohen Atlas. Die Landschaft wurde karger, das Rot der Erde intensiver. Was ich damals nicht wusste: Das Gebiet, heute als Nationalpark bekannt, wurde erst 1994 offiziell unter Schutz gestellt. Zu meiner Zeit war es noch eine raue, unberührte Grenzregion.

Wandernd erreichte ich schließlich den Rand des Sees - und mit ihm die Ernüchterung. Kein erfrischender Sprung in kühles Wasser, keine süßen Datteln warteten auf mich. Der „See" war kein tiefblaues Gewässer, sondern eine endlose, flimmernde Salzpfanne mit ein paar Wasserpfützen, unterbrochen nur von spärlicher, dorniger Vegetation. Die Sonne brannte unbarmherzig, meine letzte Wasserflasche gab nur noch heiße Tropfen her. Mitten in dieser Einsamkeit spürte ich zum ersten Mal auf dieser Reise echte Angst.

Geschenk Gottes
In diesem Moment der Not begegneten mir drei Männer. Es waren Imazighen. Die Welt nennt sie oft „Berber" – ein Name, der vom lateinischen barbarus stammt und sie abwertend als Barbaren brandmarkte. Sie selbst nennen sich voller Stolz Imazighen: Die freien Menschen. Und hier war der Name Programm, freier ging es nicht. Ihre Wurzeln reichen tiefer in diesen Boden als jede Grenzziehung, Jahrtausende zurück, lange bevor die Araber die Region erreichten.
Sie luden mich ein, in ihrem Lager zu bleiben, boten mir Essen und ein Nachtlager. Für mich als Europäer war es fast befremdlich, so bedingungslos aufgenommen zu werden. Sofort regten sich die typischen Hintergedanken: Hatten sie etwas vor? Würde ich ausgeraubt werden? Doch dann erinnerte ich mich an das, was mir der Schaffner im Zug mit auf den Weg gegeben hatte: „Wenn dich jemand in meinem Land nach Hause einlädt, bist du in Gottes Schoß." Und genau so war es. Die Gastfreundschaft, die ich dort erlebte, war nicht bloß Höflichkeit - sie war heilig. Im Islam gilt der Gast als ein Geschenk Gottes. Das hat mich tief berührt.

Trotz der Sprachbarriere verstanden wir uns auf einer tieferen Ebene. Es geschah das kleine Wunder der Verständigung. Wir blätterten in meinem kleinen Wörterbuch, doch das war schnell erschöpft, und wir sprachen fortan mit den Händen, mit den Augen, mit gemeinsamem Lachen. Dann kam der Eisbrecher: Fußball. Ich erwähnte, dass ich aus Allemagne käme, und die Männer strahlten. „Lothar Matthäus! Weltmeister!" Deutschland hatte kurz zuvor die WM 1990 gewonnen, und Fußball war die universelle Sprache, die uns sofort zu Freunden machte. Das Eis war endgültig gebrochen. Wir saßen im Kreis, tranken den obligatorischen, aus großer Höhe eingegossenen Minztee, dieses Ritual des Thé à la Menthe, teilten das Essen und brachen das Brot. In dieser Nacht, unter einem Sternenhimmel, der so nah schien, dass man ihn berühren konnte, fühlte ich mich vollkommen sicher. Ein Fremder ohne Sprache, mitten in der Wüste - und doch geborgener als je zuvor auf dieser Reise. Es war eine Verständigung jenseits der Worte, eine Begegnung von Mensch zu Mensch, die mir zeigte, dass die größten Schätze einer Reise nicht in den Städten liegen, sondern in der bedingungslosen Güte von Fremden. Ich war ein Fremder ohne Wasser, und sie behandelten mich wie einen verlorenen Bruder.

Als ich schließlich den Rückweg antrat, blickte ich noch einmal zurück auf die flimmernde Salzebene. Einen echten See hatte ich nicht gefunden, dafür aber eine menschliche Tiefe, die weit kostbarer war. Marokko hatte mir nicht die Wüste gezeigt - zu den roten Dünen der Erg Chegaga schaffte ich es erst Jahre später, mit dem Motorrad -, sondern die grenzenlose Weite der menschlichen Seele.

Fès
Nach dem Abschied von meinen neuen Freunden fühlte sich die Zivilisation zunächst seltsam laut an. Mit dem Bus ging es zurück nach Norden, nach Fès, zum nächsten Bahnhof.
Fès, wo das Mittelalter in den verwinkelten Gassen der Altstadt noch lebendig war, ein Labyrinth, das selbst Marrakesch in den Schatten stellte. Ich verlor mich in der Fès el Bali, der größten mittelalterlichen Altstadt der Welt, ohne Karte, nur mit meinem Kompass, um wenigstens die grobe Richtung zu halten. Besonders das Gerberviertel Chouara brannte sich mir ins Gedächtnis. Schon von weitem kündigte es sich durch einen stechenden, animalischen Geruch an, eine beinahe betäubende Mischung aus rohem Leder, Taubenmist und scharfen Laugen, die in der Hitze gärten. Ein Händler drückte mir einen Strauß frischer Minze in die Hand, den ich mir fest gegen die Nase presste, während ich eine Dachterrasse hinaufstieg. Von dort oben bot sich ein unvergesslicher Anblick. Ein riesiges Mosaik aus Hunderten steinernen Gruben, gefüllt mit weißen Kalkbädern oder leuchtenden Naturfarben - Indigo, Mohnrot, Safran. Inmitten dieser flimmernden Hitze standen Männer bis zu den Hüften in den Farbbecken und stampften mit bloßen Füßen im Rhythmus einer jahrhundertealten Tradition auf den Häuten herum. Eine Welt aus Schweiß, harter körperlicher Arbeit und einer brutalen Schönheit, die völlig zeitlos wirkte. Mir wurde zum ersten Mal klar, was das Gerben von Leder tatsächlich bedeutete - Arbeitsbedingungen, die man sich in unserer Welt kaum noch vorstellen kann.
In den Zügen aber suchte ich wieder meinen Stammplatz in der dritten Klasse, an der offenen Tür, den Blick auf die vorbeiziehende Landschaft gerichtet, die nun langsam wieder grüner wurde.

Der Rückweg
Mein Weg führte mich nicht zurück nach Tanger, sondern nach Osten, in die spanische Enklave Melilla. Was mich dort erwartete, war ein Kulturschock in die andere Richtung - und der traf mich fast härter als Tanger es am Anfang getan hatte. Man überquerte eine Linie im Staub, ein paar Schritte nur, ein Schlagbaum, ein Stempel im Pass, und stand plötzlich wieder in Spanien. Die Häuser wechselten von Lehm zu Beton, die Gassen wurden zu geraden, asphaltierten Straßen mit Gehwegen und Ampeln. Statt Minztee gab es Café con leche, statt Muezzinruf Kirchenglocken, statt Feilschen feste Preise auf Schildern. Ich saß in einem Café, bestellte auf Spanisch, und niemand lud mich zu einem Tee ein, um mir anschließend Teppiche zu verkaufen. Es war bequem, ordentlich, still - und mir kam es vor wie ein Rückfall in eine Welt, die ich gerade erst hinter mir gelassen hatte.
Es war kein böser Ort, ganz im Gegenteil. Aber genau das machte es so seltsam. Wenige Kilometer und ein Grenzzaun trennten zwei Welten, die kaum unterschiedlicher hätten sein können. Hier die improvisierte, laute, zugewandte Wüste, dort die durchorganisierte, saubere, distanzierte Enklave Europas, mitten in Afrika. Ich stand mit meinem staubigen Rucksack zwischen Spaniern in gebügelten Hemden und fragte mich, ob ich derselbe Mensch war, der noch vor wenigen Tagen im Sand gesessen und Tee aus der Hand von Fremden getrunken hatte.
In Melilla wartete ich auf die Fähre nach Málaga. Ich saß am Hafen, den Rucksack als Kopfstütze, und beobachtete das Treiben - Familien mit Einkaufstüten, Geschäftsleute mit Aktentaschen, alles auf dem Weg zu klar definierten Zielen. Ein seltsames Dazwischen, physisch schon fast wieder in Europa, das Herz aber noch im Rhythmus der Wüste. Die Überfahrt über das Alborán-Meer war ruhig, und während die marokkanische Küste im Dunst verschwand, spürte ich eine tiefe Wehmut. Mir war klar: Ich muss da noch einmal hin.

Zurück auf europäischem Festland in Málaga begann die eigentliche Rückreise. In Barcelona passierte es dann, kurz vor der letzten Etappe nach Hause, wurde mir im Stadtpark de la Ciutadella meine Kamera gestohlen - mitsamt den meisten belichteten Filmen der Reise. Die Kamera selbst war mir egal, Sand und Staub hatten ihr ohnehin schon zugesetzt. Aber um die Filme war es sehr schade.
Ich passierte wieder die Costa Brava und gönnte mir eine Pause dort, wo die Backpacker und Bustouristen, die ich auf der Hinfahrt getroffen hatte, wohl immer noch in ihren Strandbars saßen. Ich lächelte still in mich hinein,  sie hatten den Strand gesehen, ich hatte die Seele eines Landes berührt. Mir war klar, wie ich künftig unterwegs sein wollte.

Als der Zug schließlich die deutsche Grenze passierte und die Durchsagen wieder auf Deutsch durch die Waggons hallten, fühlte sich alles merkwürdig steril an. Und als ich schließlich in Stuttgart aus dem Zug stieg, war es ein grauer Vormittag. Der Bahnhofsturm mit dem Mercedes-Stern drehte sich wie eh und je, die Menschen hasteten mit ernsten Mienen zu ihren S-Bahnen. Ich stand da, mit meinem staubigen Rucksack, den ausgeblichenen Klamotten und dem kleinen, abgegriffenen Wörterbuch in der Tasche.
Äußerlich war ich derselbe junge Mann, der Wochen zuvor aufgebrochen war. Innerlich war ich ein anderer. Ich hatte Dinge erlebt, die ich mir zuvor nicht einmal annähernd hätte vorstellen können. Stuttgart fühlte sich eng an, aber das Gefühl, hinter den Horizont geblickt zu haben, gab mir eine tiefe Zufriedenheit. Die Reise war zu Ende, doch Marokko war nun ein Teil von mir geworden.

Nachklang
Im Nachhinein habe ich oft über diese Begegnung nachgedacht. Wie konnte es sein, dass sie einen völlig Fremden, einen verschwitzten Ausländer, so selbstverständlich in ihr Zuhause aufnahmen? In vielen traditionellen Gesellschaften hat Gastfreundschaft einen weit höheren Stellenwert als in unserem westlichen Alltag. Bei uns ist das Leben stärker von Individualismus, Distanz und Vorsicht geprägt, Fremde werden eher mit Zurückhaltung betrachtet, die eigene Privatsphäre hat einen besonders hohen Wert. Für alles gibt es eine zuständige Stelle - Hotels, Bahnhofsmissionen, Touristeninfos, soziale Netze. Wir haben uns daran gewöhnt, Hilfe zu institutionalisieren, und dadurch fühlt sich am Ende keiner mehr wirklich zuständig.
Doch in der Weite der marokkanischen Wüste existiert all das nicht. Keine Schilder, keine Ämter, keine Hotels. Nichts außer der Natur - und den "freien Menschen". In einer Umgebung, in der Isolation den Tod bedeuten kann, wird der andere Mensch zur einzigen Rettung. Wo keine Infrastruktur existiert, wird die Menschlichkeit selbst zur Infrastruktur. Diese existenzielle Angewiesenheit aufeinander schafft eine Nähe, die wir in unserem organisierten Alltag oft verloren haben. In der Wüste ist der Gast ein Geschenk Gottes, weil er daran erinnert, dass wir am Ende alle aufeinander angewiesen sind. Dieses Wissen ist das wertvollste Souvenir, das ich aus Marokko mitgebracht habe.

Diese Reise hat mein Weltbild nicht nur verändert - sie hat es einmal komplett auf links gedreht und neu zusammengesetzt. Wenn ich heute, Jahrzehnte später, daran zurückdenke, sind es drei Erkenntnisse, die bis heute nachwirken.

Das Vertrauen in das Unbekannte. Vor der Reise hatte ich das typisch europäische Sicherheitsdenken: Alles muss geplant sein, Wasser muss aus dem Hahn kommen, Schilder müssen den Weg weisen. Am Lake Iriqui, als mir das Wasser ausging, zerbrach dieses Konstrukt. Ich lernte, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist, Vertrauen aber eine Brücke baut. Dass völlig fremde Menschen mich - einen verschwitzten Backpacker ohne gemeinsame Sprache - wie ein Familienmitglied behandelten, hat mein Grundvertrauen in die Menschheit tief verankert.

Die stille Kommunikation. Ich dachte immer, man brauche fließende Sprachkenntnisse, um jemanden wirklich kennenzulernen. Bei den Imazighen habe ich erlebt, dass die wichtigsten Dinge - Respekt, Dankbarkeit, Humor, Mitgefühl - keine Vokabeln brauchen. Ein Blick beim Einschenken des Tees, das gemeinsame Lachen über ein misslungenes Wort aus dem Wörterbuch, die geteilte Begeisterung für den Fußball.  All das zeigte mir, dass Menschen sich auf einer Ebene verstehen können, die tiefer liegt als jede Grammatik. Natürlich gehört auch das Spiel der Märkte dazu, man wird belabert, gelegentlich übervorteilt. In Tanger verkaufte man mir eine schwarz-weiß gestreifte Djellaba, damit ich „weniger auffalle". In Wahrheit war es ein reines Touristenkostüm, das mich trotz Vollbart und gebräunter Haut auf Kilometer als Touri markierte - kein Marokkaner hätte so etwas je getragen. Aber das sind Nebensächlichkeiten. Man merkt es irgendwann, schmunzelt darüber, lernt aus seinen Fehlern und zieht weiter. Die wichtigste Lektion bleibt: Auch wenn es heute oft schwerfällt, das zu glauben - die Welt ist im Kern gut. Und Dachterrassen, heute würde man Rooftop-Bars sagen, sind ein außergewöhnlich guter Ort, um zu verweilen und zu beobachten.

Luxus ist überbewertet und eine Frage der Perspektive. In Marrakesch hatte ich dieses kleine Schloss als Herberge, wunderschön. Aber mein wahrer Luxusmoment war es, an der offenen Tür der dritten Klasse zu sitzen, den Staub der Wüste im Gesicht zu spüren und den Geruch von Freiheit in der Nase zu haben. In Deutschland fährt kein Zug mit offener Tür los, nicht einmal, wenn im ICE mal wieder die Klimaanlage ausfällt. Der Schaffner verstand es nicht - ich sah die pure Lebendigkeit. Diese Reise hat mich gelehrt, den Wert eines Erlebnisses nicht an seinem Preis oder Komfort zu messen, sondern an der Intensität des Augenblicks.

Ein Gedanke bleibt bis heute: Dieses Gefühl, „in Gottes Schoß" zu sein, hatte nichts mit Religion im dogmatischen Sinne zu tun. Es war das Gefühl, absolut am richtigen Ort zu sein - egal, wie verloren man auf der Landkarte eigentlich war. Diese Sicherheit trage ich seit 1990 in mir, egal, wo auf der Welt ich mich gerade befinde.


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