#LOG 8 - Zwischen Himmel und Loch
Die Luft in Pokhara roch nach einer Mischung aus Abgasen, feuchtem Seeufer und dem süßlichen Duft von Räucherstäbchen. Eigentlich sollte ich jetzt ganz woanders sein. Eigentlich sollte mein Blick an den steilen, schneebedeckten Flanken des Annapurna-Massivs emporwandern, während meine Stiefel den Staub des Trails aufwirbelten. Die Vorbereitung auf den Annapurna Circuit beginnt nicht erst am Trailhead. Um meinen Körper auf die extremen Höhen Nepals zu testen, hatte ich Monate zuvor den 3.718 Meter hohen Teide auf Teneriffa bestiegen. Die Antwort meines Körpers war klar und beruhigend, keine Kopfschmerzen, keine Atemnot – kein Problem. Der Annapurna Circuit konnte kommen.
Kathmandu empfing mich wie ein Wasserfall aus Farbe, Lärm und Weihrauch. Dann der Bus nach Bandipur, ein winziges, autofreies Newar-Dorf, eingebettet in die Hügel, mit Gassen aus Kopfsteinpflaster, die die Zeit selbst gelegt zu haben schien. Im Homestay wurde ich aufgenommen wie ein verlorenes Familienmitglied. Wir standen gemeinsam in der engen Küche und lachten, ohne dieselbe Sprache zu sprechen. Ich schnitt Gemüse für das Dal Bhat, das traditionelle Nationalgericht Nepals. Die Kinder kicherten über meine unbeholfenen Kochversuche, und die Großmutter zeigte mir geduldig, wie man die Gewürze richtig dosiert.
Am nächsten Morgen, als die Welt noch im Tiefschlaf lag, stieg ich auf den Hausberg. Als die ersten Sonnenstrahlen langsam über die fernen Achttausender kletterten und sie in ein tiefes Orange tauchten, war das wieder einer dieser Momente, für die man unterwegs ist. Nicht für die Bilder, sondern für das tiefe Gefühl, das danach bleibt.
Nächster Halt: Pokhara. Um auch mental anzukommen und die Reise unter ein gutes Omen zu stellen, verbrachte ich eine Nacht im Kloster Jangchub Choeling. Zwischen Gebetsmühlen und bunten Fahnen lebten dort buddhistische Mönche, die mich freundlich empfingen. Am Abend nahm ich an einer Pooja teil, einer traditionellen Segenszeremonie. Die tiefen Klänge der Hörner hallten durch die Gebetshalle, Butterlampen flackerten vor goldenen Buddha-Statuen, während die Mönche ihre jahrhundertealten Mantras meditativ vor sich hinmurmelten. Der Duft von Weihrauch erfüllte den Raum, es vibrierte in meiner Magengrube. Ob man religiös ist oder nicht - in solchen Momenten durchfließt einen etwas.
Doch die Realität hat ihren eigenen, manchmal grausamen Humor.
Am nächsten Tag kaufte ich in Pokhara die letzten Ausrüstungsgegenstände. Eine warme Jacke, Handschuhe, ein paar Kleinigkeiten, die man
in großer Höhe gut gebrauchen kann. Abends saßen mein Guide und ich am Ufer des Phewa Lake. Das Wasser spiegelte die Lichter der Restaurants, während über uns langsam die Sterne erschienen. Wir aßen zu Abend, tranken ein paar Bier und blickten immer wieder hinüber zu den dunklen Silhouetten der Berge. Ich war glücklich, auf diese ruhige, zufriedene Art, die nur kommt, wenn alles stimmt. Morgen würde es endlich losgehen. Meine Wanderung zu den Achttausendern. Was für ein Abenteuer. Dachte ich zumindest.
Auf dem Heimweg passierte es. Berauscht von den Lichtern, den Gerüchen und den überwältigenden Eindrücken der nepalesischen Nacht, übersah ich im fahlen Straßenlicht ein tiefes Schlagloch im Gehweg. Ich knickte um. Ein stechender Schmerz schoss durch mein Bein, gefolgt von dem hässlichen Gefühl, dass hier gerade etwas gerissen war. Am nächsten Morgen war der Fuß auf die Größe einer reifen Mango angeschwollen. Diagnose: Eine fiese Muskelzerrung. Wandern? Unmöglich. Während meine Gruppe mit gepackten Rucksäcken motiviert in Richtung Trailhead aufbrach, blieb ich allein zurück, bezog ein Hotelzimmer in Pokhara und starrte frustriert aus dem Fenster. Dabei schaute ich den Hotelangestellten zu, wie sie auf dem Flachdach Linsen trockneten.
Monate der Vorbereitung. Tausende Kilometer Anreise. Und ausgerechnet ich verletzte mich wenige Stunden vor dem Start, auf einem Gehweg. Ein ganzer Tag verging in einer Wolke aus Selbstmitleid und Frust. Doch irgendwann wurde mir klar: Ich hatte zwar den Annapurna Circuit verloren, aber ich war immer noch in Nepal. Am zweiten Tag hielt ich es nicht mehr aus. Die Decke fiel mir auf den Kopf. Ich raffte mich auf, packte meine Trekkingstöcke, die nun unfreiwillig zu Krücken umfunktioniert wurden, und humpelte hinaus in die Stadt. An einem kleinen Hindutempel namens Shiva Mandir Gaurighat, direkt am Wasser des Phewa Lake, machte ich meine erste Pause. Abseits des touristischen Trubels war es still dort, eine Stille, die man in sich hineinsaugt.
Der See lag ruhig unter dem Nachmittagslicht. Ich setzte mich auf eine Bank, kaufte ein paar maßlos überteuerte Mandarinen von einer Straßenhändlerin, die mit ihrem Korb vorbeibalancierte, und beschloss, dass es schlimmere Schicksale gab als dieses hier. Kurz darauf setzte sich ein Mann neben mich, einen Motorradhelm im Arm. Wir nickten uns zu, und er fragte in überraschend gutem Englisch, was mit meinem Fuß passiert sei. Ich erzählte ihm mein Fiasko - die verpatzte Tour, das Schlagloch, die Enttäuschung. Er lächelte verständnisvoll. Es stellte sich heraus, dass er Son hieß und sein Geld als Motorradtaxi-Fahrer verdiente. „Weißt du was?", sagte er unaufdringlich und freundlich. „Du kannst nicht laufen, aber du musst trotzdem etwas von Nepal sehen. Ich fahre dich die nächsten Tage herum. Ich zeige dir die Stadt und die Umgebung. "Er war mir auf Anhieb sympathisch, aber bei seinem Angebot musste ich lachen. Ich schälte eine der Mandarinen und teilte sie mit ihm. „Son, danke. Wirklich. Aber Beifahrer? Das ist für mich keine Option." Ich erklärte ihm, dass ich seit über dreißig Jahren selbst Motorrad fahre und in meinem ganzen Leben noch nie hinten draufgesessen habe - und heute sicher nicht damit anfange. „Wenn du mir ein eigenes Motorrad besorgst, das ich mieten kann, am besten eine Royal Enfield, bin ich dabei. Sonst nicht. "Ich holte mein Handy heraus und zeigte ihm Bilder von Touren mit meiner Yamaha Ténéré. Son schüttelte lachend den Kopf, sichtlich amüsiert über den sturen Ausländer mit dem geschwollenen Fuß. „Ich schaue mal, was ich tun kann", meinte er augenzwinkernd. Wir tauschten die Nummern aus und verabschiedeten uns. Ich verbuchte es unter nettem Smalltalk. Doch am Abend vibrierte mein Telefon im Hotelzimmer. Eine Nachricht von Son: „Du kannst das Motorrad meines Bruders fahren. Wir treffen uns morgen früh." Ich starrte auf das Display, völlig baff, konnte mein Glück kaum fassen. Das Abenteuer - is still alive.
Am nächsten Morgen humpelte ich voller Vorfreude zum Treffpunkt. Was als Katastrophe begonnen hatte, wurde zur unverhofften Freiheit. Statt beim Wandern zu schwitzen, erkundete ich Nepal auf zwei Rädern - nicht auf einer Royal Enfield, sondern auf einer kleinen, schwarzblauen Tourenmaschine indischer Bauart, mit einem Namen, den ich nie zuvor gehört hatte und vermutlich nie wieder hören werde.
Es spielte keine Rolle. Ich schwang mein gesundes Bein über die Sitzbank, und als der Motor ansprang, spürte ich das vertraute Kribbeln im Bauch. Das Triebwerk klang eher nach einem ambitionierten Rasenmäher als nach einem kraftvollen Motorrad. Völlig egal. Der Motor lief, die Sonne schien, die Straße lag vor uns, und Son, mein neuer Motorrad-Sherpa, kannte jeden Weg.
Die erste Fahrt ging hinauf nach Pumdikot zur Shiva-Statue, über staubige, in Serpentinen gewundene Straßen, vorbei an Häusern, die sich an den Hang klammern, und an Feldern, in denen Frauen mit gebeugtem Rücken arbeiten. Schon von Weitem erkennt man die Silhouette: ein weißer, ruhiger Riese, der über den Hügeln thront, lange bevor man die Details ausmachen kann.Oben angekommen, übernimmt zunächst die schiere Größe das Feld. Die Statue ist überwältigend in einer Stille, die von der Figur selbst auszugehen scheint. Shiva sitzt dort, die Augen halb geschlossen, eine Hand zum Segen erhoben, der Dreizack neben ihm aufgerichtet wie ein stiller Wächter. Man steht klein davor, legt unwillkürlich den Kopf in den Nacken und spürt, wie das Sprechen von selbst leiser wird.Doch anders, als ich erwartet hatte, war es hier alles andere als still. Pumdikot war voller Leben. Hindupilger strömten in Gruppen die Treppen hinauf, Familien mit Kindern auf den Schultern, ältere Frauen in leuchtenden Saris, die sich am Geländer festhielten, junge Männer, die Selfies mit der Statue im Hintergrund schossen. Aus kleinen Lautsprechern irgendwo am Rand drang das monotone, hypnotische Mantra, vermischt mit dem Stimmengewirr Hunderter Besucher und dem Klingeln von Tempelglocken.
Es war ein seltsamer, aber faszinierender Kontrast. Die monumentale, in sich ruhende Gelassenheit der Shiva-Statue und darunter dieses pulsierende, lebendige Treiben aus Glaube, Alltag und Festtagsstimmung. Keine stille Andacht wie in einem europäischen Kloster, sondern Spiritualität, wie sie in Nepal oft gelebt wird: Laut, bunt, gemeinschaftlich, mittendrin im Trubel des Lebens statt abseits davon.
Ich blieb am Rand stehen, ließ mich von der Menge nicht hineinziehen, sondern beobachtete - und gerade dieses Beobachten machte den
Ort für mich eindrücklich. Hier ging es nicht um die einsame Andacht eines Einzelnen vor einem gewaltigen Gott, sondern um etwas Kollektives und Fröhliches. Der Wind trug den Duft von Räucherstäbchen über die Köpfe der Menge, in der Ferne blitzte zwischen den Schultern der Pilger der schneebedeckte Annapurna auf, und ich verstand: Auch das ist eine Form, dem Berg zu begegnen - nicht in stiller Einkehr, sondern im lauten, drängenden Strom des Glaubens vieler.
Weiter ging es auf dem Bergkamm zur World Peace Pagoda. Hier ist es nicht die Größe einer einzelnen Figur, die einen ergreift, sondern die reine, geometrische Stille des Bauwerks selbst. Der strahlend weiße Stupa, rund und makellos, hebt sich gegen den Himmel ab wie etwas, das nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint. Die vier goldenen Buddha-Statuen an den Seiten leuchten je nach Tageszeit in unterschiedlichem Licht – am Morgen ein zartes, fast scheues Glimmen, am Nachmittag ein warmes, sattes Gold. Hier ist es weicher, freundlicher, einladender und vor allem stiller als in Pumdikot. Pilger unterschiedlicher Glaubensrichtungen sitzen nebeneinander auf den Stufen, manche in Stille, manche im Gespräch, ohne dass es störend wirkt. Erbaut wurde die Pagode von japanischen Mönchen, als Geste der Versöhnung nach den Schrecken eines Krieges – an einem Ort, der heute Menschen aus aller Welt vereint, ohne nach ihrem Glauben zu fragen.
Ich setzte mich in den Rasen und verweilte, schaute auf das Panorama, das sich wie eine Bühne vor mir ausbreitete, und merkte, wie mein Atem ruhiger wurde. Es ist kein Ort, an dem man etwas im Sinne von Action oder Abenteuer erlebt. Es ist ein Ort, an dem man einfach aufhört, sich zu beeilen. Genau das, vermute ich, wollten die Mönche hier erreichen - dass man für ein paar Minuten vergisst, wohin man eigentlich wollte, und stattdessen begreift, wo man gerade ist.Mit der Zeit knurrte mein Magen, und wir tranken Tee und aßen Kuchen in einer kleinen Cafe & Bakery und bestaunten die schneebedeckten Achttausender.
Auf der Rückfahrt standen wir am Rand der Davis Falls, wo der Fluss plötzlich in einen unterirdischen Tunnel kollabiert und verschwindet – das Wasser fällt, dreht sich, ist weg, als hätte die Erde es verschluckt. Unmittelbar daneben liegt die Gupteshwor-Höhle, ein Labyrinth aus Kalkstein und Dunkelheit, in deren Tiefe ein Shiva-Tempel steht. Pilger steigen hinab, um Puja zu halten, während das Rauschen des unterirdischen Wassers alles begleitet wie ein ewiges Om. Ich sah sie hinuntergehen - alte Männer mit nackten Füßen auf feuchten Stufen, Frauen mit Blumenopfern in den Händen - und spürte den vertrauten Zug, ihnen zu folgen, tiefer hinein in das Dunkel und den Lärm des verborgenen Wassers.
Ich blieb oben. Mein Fuß hatte in den letzten Stunden auf dem Motorrad gnädig geschwiegen, aber Steinstufen, feucht und uneben, im Halbdunkel einer Höhle, das wäre eine andere Geschichte gewesen. Ich lehnte mich ans Geländer, schaute in den Eingang, aus dem kühle Luft und das Donnern des unterirdischen Wassers heraufdrangen, und machte meinen Frieden damit. Manchmal ist das Sehen von oben die eigene Version des Abstiegs. Der Tempel war da. Das Wasser war da. Der Segen der Mönche aus Jangchub Choeling hing noch irgendwo um mich herum. Es reichte.
Abends wollte ich Krishna kennenlernen, Sons Bruder - der Mann, der mir seine kleine blaue Maschine überlassen hatte. Eine sehr faire Miete hatte er verlangt, nicht mehr, und das wollte ich mit einem Abendessen vergelten. Wir trafen uns zu dritt in einem Fischrestaurant direkt am Phewa-See, das Wasser schwarz und ruhig vor uns, die Lichter der gegenüberliegenden Uferseite als verschwommene Reflexe auf der Oberfläche. Krishna war ein Knaller. Einer jener Menschen, die einem in den ersten dreißig Sekunden bereits sympathisch sind, ohne dass man erklären könnte, warum - offen, direkt, mit einem Lachen, das den ganzen Tisch einnimmt. Er arbeitete für Simrik Air, eine Fluggesellschaft, die mit zwei Bell-Helikoptern in Pokhara operiert. Rundflüge über das Annapurna-Massiv, aber auch Rettungseinsätze in den Bergen, dort, wo kein Weg mehr hinführt und jede Minute zählt. Wir aßen, tranken, erzählten. Irgendwann lehnte sich Krishna vor und sagte beiläufig, fast nebenbei, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: „Du wolltest doch zum Annapurna Base Camp – ABC, wie die Eingeweihten sagen. Ich kann dir einen Flug organisieren, natürlich zum Freundschaftspreis." Ich solle nur flexibel sein, kurzfristig einspringen, wenn jemand absagt. Alles sei ausgebucht, aber es gäbe immer Lücken. Ich konnte es nicht fassen. Das Universum hat geliefert, dachte ich, und sagte sofort zu.
Dann kam der unangenehme Teil. Krishna schaute mich ruhig an und fragte, wie viel ich wiege. Ich blickte auf meine Fischplatte mit den frittierten Kartoffeln, das Bier, und überlegte kurz, ob ich die Frage überhört hatte. Ich erklärte ihm, dass ich schon oft mit einer Bell 407 geflogen sei - sechs Plätze, Nutzlast weit über tausend Kilogramm, kein Problem. Krishna nickte, lächelte und sagte freundlich: „Stimmt, aber auf Meereshöhe. Bei 4000 Metern Höhe liegt die Nutzlast noch bei knapp 400 Kilogramm, je nach Tankvolumen.
"Ich dachte: Scheiße. Dann bin ich mit meinen über 100 Kilo raus. Aber egal, ich war auf Standby, und die Hoffnung lebte.
Am nächsten Morgen sattelten Son und ich die Motorräder noch vor dem ersten Licht und fuhren hinauf nach Sarangkot. Die Straße war dunkel, die Luft kalt und feucht, und die Stadt schlief noch, als wir den Hügel hinaufkurbelten. Oben warteten bereits Dutzende andere - Trekker, Einheimische, Fotografen mit Stativen - alle in dieselbe Richtung schauend, alle schweigend. Dann begann es. Zuerst nur ein zögerliches Aufhellen am Horizont, ein schmaler Streifen zwischen Dunkel und Dunkel, kaum wahrnehmbar. Dann, langsam, unweigerlich, schälte sich die Welt aus dem Schwarz heraus. Die Gipfel kamen zuerst, nicht von unten beleuchtet, sondern von oben, als hätte jemand eine Lampe hinter dem Horizont angeknipst, die zunächst nur die höchsten Punkte streifte. Der Dhaulagiri zuerst, fast unglaublich weit westlich, eine massive weiße Wand. Dann der Annapurna I und II, die sich langsam aus dem Grau lösten wie Riesen, die aufstehen. Und schließlich der Machhapuchhre, der heilige Fischschwanz, der spitzeste und theatralischste aller Gipfel, der nun in einem zarten Rosa stand, das innerhalb
von Minuten in Orange und dann in strahlendes Weiß überging. Weiter östlich tastete sich der Manaslu ins Bild, achthöchster Berg der Erde, kühl und mächtig.
Es war nicht der klarste Morgen, ein leichter Dunstschleier lag über den Tälern, und einige Gipfel blieben in Wolkenfetzen verhüllt wie Gedanken, die sich nicht ganz aussprechen lassen. Aber genau das machte es auf seine Weise vollkommener. Die Berge zeigten sich nicht vollständig, sie gewährten einen Blick, und das Unvollständige, das Ahnen mehr als das Sehen, traf mich tiefer, als es jede makellose Ansichtskarte gekonnt hätte. Ich stand da, den Kragen hochgezogen, den Kaffee in beiden Händen, und dachte an die Gruppe, die irgendwo dort oben gerade auf dem Circuit unterwegs war. Kein Neid mehr. Nur noch Staunen.
Von Sarangkot fuhren wir weiter, Son kannte jeden Abzweig, jeden versteckten Weg. Wir hielten am Tibetischen Flüchtlingslager Tashi Ling, wo Frauen an Webstühlen saßen und Teppiche knüpften, deren Muster Geschichten erzählten, die ich nicht lesen, aber spüren konnte. Wir fuhren am Seti entlang, diesem milchweißen, gletschergespeisten Strom, der sich durch eine enge Schlucht mitten durch die Stadt schneidet. Am Nachmittag standen wir noch einmal am Begnas Lake, dem stillen Außenposten abseits des Touristenstroms, wo das Wasser so ruhig lag, dass man meinte, es schliefe. Abends saßen wir wieder zu dritt beim Essen. Krishna lachte sein breites Krishna-Lachen, griff in die Brusttasche seines Hemdes und hielt mir ein Ticket hin. Für den nächsten Morgen - und für eine Sekunde dachte ich unwillkürlich an den Namensvetter, der auch sonst immer genau dann auftaucht, wenn ein Mensch nicht mehr weiterweiß.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Motorrad zum Flughafen. Die dicke Jacke, die ich mir ursprünglich für den Trek gekauft hatte - für Windchill auf dem Thorong-La-Pass, für kalte Nächte in Teahouses auf 4000 Metern, wärmte mich, als ich den Motor startete und durch das noch schlafende Pokhara rollte. Sie hatte ihren Einsatz bekommen. Nur anders als geplant. Der alte Inlandsflughafen von Pokhara liegt mitten in der Stadt, keine zehn Minuten vom Lakeside entfernt. Man fährt hin, bevor die ersten Marktfrauen ihre Stände aufbauen, bevor der erste Tuk-Tuk hupt. Kein Vergleich mit dem neuen, ein paar Kilometer weiter draußen gelegenen internationalen Airport, der nach internationalem Standard von chinesischen Firmen gebaut wurde. Hier ist alles anders. Ein schlichtes Vorfeld, ein kleines Terminal, ein separater Bereich für die Helikopterbetreiber mit einer Handvoll Plastikstühlen, einer Theke und einem Briefing-Raum ohne Schnickschnack. Keine Anzeigetafeln, keine Duty-Free-Shops, kein Gedränge. Nur die Stille des frühen Morgens und das leise Surren von Bodenpersonal, das die Maschinen vorbereitet und mit Kanistern betankt.
Doch das wahre Spektakel war meine Reisegesellschaft für die nächsten zwei Stunden. Eine fünfköpfige, dreigenerationen indische Familie aus Mumbai. Die Oma, eine resolute Dame im leuchtend pinken Sari und schwerem Goldschmuck, hielt fest die Hand ihres Enkels, während der Vater aufgeregt mit zwei iPhones gleichzeitig hantierte. Die Begrüßung war typisch indisch. Herzlich, laut und distanzlos. Innerhalb von zwei Minuten wusste ich, dass sie im Textilgeschäft tätig waren und dass die Oma schreckliche Flugangst hatte, aber unbedingt Shiva in den Bergen danken wollte.
Dann kam der unangenehme Teil - noch bevor wir auch nur einen Schritt Richtung Helikopter getan hatten. Alle wurden gewogen. Öffentlich, nüchtern, ohne Umschweife: Eine alte Waage auf dem Betonboden, ein Mann mit Klemmbrett. Die indische Familie trat nacheinander drauf, lachend, unbekümmert, die beiden Jungs schoben sich gegenseitig zur Seite. Ich trat drauf und dachte kurz an das Abendessen mit Krishna,
an seinen freundlichen Blick über den Fischrestauranttisch, an seine Frage nach meinem Gewicht und meine ausweichende Antwort. Jetzt war es amtlich. Der Mann mit dem Klemmbrett nickte, schrieb etwas, sagte nichts. Ich war froh, dass ich mitdurfte. Draußen auf dem Vorfeld stand die Bell, rot-blau-weiß lackiert, schlank und pragmatisch, kein Luxusgerät, sondern ein Arbeitstier dieser Berge, das hier schon mehreren Bergsteigern in Rettungseinsätzen das Leben gerettet hat. Der Pilot, ein junger Nepalese mit Sonnenbrille und der Ruhe eines Mannes, der diese Route im Schlaf fliegen könnte, gab eine kurze Einweisung: Gewicht, Sitzverteilung, Türen. Ich saß vorne, direkt neben ihm. Die indische Familie quetschte sich mit freudiger Betriebsamkeit in die hinteren Sitze, die Jungs stritten leise darum, wer ans Fenster durfte.
Die Turbinen sprangen mit einem hochfrequenten Pfeifen an, die mächtigen Rotorblätter zerschnitten über unseren Köpfen die Luft. Mit einem eleganten Ruck hob die Bell ab. Pokhara sank unter uns weg, wie ein Bild, das jemand langsam aus einem Rahmen zieht. Der Phewa-See, von oben ein perfektes Türkisoval. Sarangkot, wo wir zwei Tage zuvor im Dunkeln gestanden hatten. Alles, was ich in den letzten Tagen
zu Fuß und auf der blauen Maschine erkundet hatte, ordnete sich jetzt zu einem Panorama, das einen Zusammenhang ergab, den man am Boden nie sieht. Der Pilot legte die Maschine in eine steile Kurve und steuerte direkt auf die gewaltige Kerbe im Gebirge zu - das Modi-Khola-Tal, das Tor zum Annapurna-Heiligtum. Die grünen Hügel wichen zuerst. Darunter zogen Dörfer vorbei winzige Ansammlungen von Steinhäusern, die sich in Terrassen an die Hänge klammerten, verbunden durch Wege, die von oben wie Bleistiftstriche aussahen. Irgendwo dort unten trottete meine Gruppe mit schweren Rucksäcken durch den Morgen. Ich saß in einem Hubschrauber. Der Modi Khola, der Fluss,
der das ganze Tal entwässert, blitzte silbern tief unten im Graben. Dann begann das Gelände zu steigen, und die Welt um uns herum veränderte sich mit einer Geschwindigkeit, die einem den Atem verschlägt: Wald wich Stein, Grün wich Grau und Weiß, und die Luft, die durch die Lüftungsschlitze drang, wurde schärfer, dünner, kälter. Hinter mir hörte ich die indische Familie aufgeregt durcheinanderreden, die Jungs riefen abwechselnd Bergnamen, die Mutter fotografierte pausenlos. Und dann öffnete sich das Tal.
Es ist schwer zu beschreiben, was passiert, wenn man in das Annapurna-Sanctuary hineinfliegt. Es ist wie ein mächtiges, natürliches Amphitheater, das von allen Seiten von Achttausendern und ihren Trabanten eingeschlossen wird. Es ist kein allmähliches Erschließen wie
beim Trekking, wo man sich jeden Meter erkämpft und die Aussicht mit Erschöpfung bezahlt. Es ist ein einziger, brutaler Moment der Offenbarung. Die Berge stehen plötzlich um einen herum, nicht in der Ferne, sondern nah, fast unverschämt nah, ihre Eisflanken im klaren Morgenlicht glitzernd wie Glas.Der Annapurna I, 8091 Meter, der zehnthöchste Berg der Erde, war keine Kulisse mehr. Er war eine Wand.
Eine Wand, die den Himmel in zwei Hälften teilte. Der Pilot setzte die Maschine mit chirurgischer Präzision auf. Die Kufen berührten sanft den schneebedeckten Boden, und für einen Moment herrschte, als der Rotor langsamer wurde, eine Stille, die einem fast körperlich vorkam. 4130 Meter. Ich stieg aus, und die Kälte traf mich sofort - trocken, klar und ohne Gnade. Die Jacke, die für diesen Moment gedacht gewesen war,
tat nun endlich ihren Dienst. Die indische Mutter kämpfte mit der Höhe, hielt ihrem Mann die Kamera hin, er fotografierte sie vor der Annapurna, dann sie ihn, dann die Söhne einzeln, dann alle zusammen, dann bat sie mich, alle vier zu fotografieren, was ich tat. Es war berührend, dieses kleine Familienritual an diesem absurden Ort - fünf Menschen in bunten Jacken vor der größten Bergkulisse der Welt, lächelnd, als stünden sie vor dem Eiffelturm.
Ich ging ein paar Schritte zur Seite, stützte mich auf meine Trekkingstöcke und humpelte hinüber zu den Gedenksteinen am Rand des Geländes, dort wo die Moräne abfällt und der Blick in die Schlucht frei wird. Der Annapurna direkt vor mir, diese Wand aus Eis und Fels, die den halben Himmel ausfüllt. Genau dieses Bild hatte ich jahrelang als Desktophintergrund gehabt, hatte es morgens beim Öffnen des Laptops gesehen, im Büro, zuhause, auf Reisen - und immer gedacht: Eines Tages. Jetzt stand ich davor. Das Bild war real, und es war größer, als jeder Bildschirm der Welt es hätte fassen können.
Dann fiel mein Blick auf die goldene Büste. Sie thront auf einem schlichten Steinsockel, das Gesicht breit und ruhig, die Züge eines Mannes, der die Berge kannte wie andere Menschen ihre eigenen Wohnzimmer. Darunter eine Gedenktafel. Daneben, in den Fels gemeißelt und auf Steinplatten geschraubt, weitere Namen - aus aller Welt, aus verschiedenen Jahren, verschiedenen Expeditionen. Und überall Gebetsfahnen, die im Wind klappern, in allen Farben, manche schon so verblasst und zerfetzt, dass man die Schrift nicht mehr lesen kann. Als hätten die Berge sie langsam zu sich genommen.
Die goldene Büste gehört Anatoli Boukreev - und wer diesen Namen nicht kennt, sollte ihn kennen. Boukreev war ein kasachischer Bergsteiger, geboren 1958 in der Sowjetunion, einer der besten Höhenbergsteiger seiner Generation. Er bestieg zehn der vierzehn Achttausender ohne Flaschensauerstoff. Seinen größten Ruhm erlangte er im Mai 1996, als am Mount Everest eine der schlimmsten Tragödien der Bergsteigergeschichte stattfand. Ein plötzlicher Sturm, mehrere tote Bergsteiger, Chaos in der Todeszone. Boukreev stieg in dieser Nacht dreimal allein zurück in den Sturm, ohne Sauerstoff, und rettete drei Kletterer, die sonst mit Sicherheit gestorben wären.
Im Dezember 1997, nur wenige Wochen nach Erscheinen seines eigenen Buches über den Everest, stand Boukreev mit zwei Gefährten am Annapurna I - demselben Berg, der nun vor mir stand. Es war Winter, eine Jahreszeit, in der kaum jemand einen Achttausender besteigt. Am 25. Dezember, an Weihnachten, löste sich von der Westwand über ihnen eine Lawine und riss die Männer mit sich. Simone Moro überlebte wie durch ein Wunder, Boukreev und Dmitri Sobolew wurden nie gefunden.
Auf der schwarzen Tafel im Fels steht es schlicht: Kazakh climbers – Dmitry Sobolev – Anatoli Boukreev – They died in an avalanche on the slopes of Annapurna – 25.12.1997 – Вечная память. Ewige Erinnerung. Ich stand eine Weile dort, die Trekkingstöcke in den Händen, den Annapurna vor mir, ganz alleine und dachte an die Seltenheit dieses Moments. Ich war hierhergeflogen, weil ein Loch im Gehweg meinen Trek beendet hatte, weil Son auf einer Bank neben mir gesessen hatte, weil Krishna lachend ein Ticket aus der Brusttasche gezogen hatte. Ein Mann wie Boukreev hatte diesem Berg alles gegeben, seine ganze Kraft, sein ganzes Leben, buchstäblich. Und der Berg hatte es genommen, so wie er es vielen genommen hat und noch nehmen wird. Die Gebetsfahnen klapperten im Wind. Der Annapurna schwieg. Dreißig Minuten später hob die Bell wieder ab, und das Amphitheater zog sich hinter uns zusammen, die Berge rückten wieder in die Ferne, das Grün kehrte zurück, und irgendwo unter uns wand sich der Modi Khola durch sein Tal. Ich schaute noch lange zurück.
Am Flughafen wartete Son. Er lehnte an seinem Motorrad, den Helm unterm Arm, und grinste, als ich die Gangway herunterkam – oder das, was hier als Gangway durchging, nämlich drei Betonstufen ins Freie. Ich zeigte ihm ein Foto vom Annapurna, das ich oben gemacht hatte. Er nickte, sagte nichts, nickte noch einmal. Manche Dinge brauchen keine Worte, besonders zwischen zwei Motorradfahrern.
Die blaue Maschine gab ich an Krishna zurück. Wir umarmten uns kurz, auf diese unkomplizierte Art, die entsteht, wenn Menschen in wenigen Tagen mehr miteinander geteilt haben als andere in Jahren. Er winkte ab, als ich nochmals von der Miete sprach. Abends verabschiedeten wir uns nach dem Essen. Der See lag ruhig da, die Berge im Norden hatten sich hinter einem Dunstschleier zurückgezogen, als wollten sie sich nicht verabschieden.
Ich hatte den Annapurna Circuit nicht gemacht. Ich hatte nicht den Thorong-La-Pass überquert, nicht die Teahouses auf 4000 Metern erlebt, nicht jeden Meter mit den Beinen verdient. Ein Loch im Gehweg hatte das verhindert. Ein sinnloses, dunkles, unscheinbares Loch in einer Straße in Pokhara, das mir eine fiese Muskelzerrung und einen geschwollenen Fuß beschert hatte. Aber dann: Ein Hindutempel am stillen See. Eine geteilte Mandarine. Ein Mann mit einem Helm. Eine namenlose blaue Maschine. Ein Bruder mit Helitickets. Sarangkot im Morgengrauen. Die goldene Büste des Anatoli Boukreev vor der Wand des Annapurna. Und das Bild, das ich jahrelang auf meinem Bildschirm gehabt hatte.
Der Berg entscheidet, was er einem gibt. Manchmal ist es der Weg. Manchmal ist es das Loch im Gehweg davor - und was danach kommt, wenn man sich aufrafft und trotzdem loshinkt. Ich schaute ein letztes Mal auf den See, und dachte nur: Das Universum hat geliefert.













































































