#LOG 7 – Der längste Tag
Es gibt Geburtstage, die vergisst man schon wenige Tage später. Und es gibt Geburtstage, die sich so tief ins Gedächtnis brennen, dass man sie Jahre später noch riechen, schmecken und fühlen kann.
Mein fünfzigster sollte so einer werden. Nicht größer, nicht lauter und schon gar nicht luxuriöser. Ich wollte ihm einfach nur etwas schenken, das man für kein Geld der Welt kaufen kann: mehr Zeit.
Also beschloss ich mit Freunden, meinen Geburtstag dort zu feiern, wo die Sonne im Sommer einfach nicht untergeht - hoch oben im Norden Norwegens. Von Stuttgart ging es über Helsinki bis nach Tromsø. Schon beim Landeanflug hatte ich das Gefühl, Europa unter mir gelassen zu haben. Die Landschaft wurde rauer, die Berge schroffer und das Meer schimmerte in einem Blau, das man nur im hohen Norden findet. Tromsø empfing uns mit tiefstehendem, nie ganz weichendem Licht, bunten Holzhäusern am Wasser und dieser eigentümlichen Wachheit, die man bekommt, wenn die innere Uhr nicht mehr weiß, wann Feierabend ist. Eine wirklich hinreißende kleine Stadt, gerade im Sommer - wir hätten dort bleiben können. Aber wir hatten ein Ziel, das noch weiter draußen lag. Wir holten die Mietwagen ab und fuhren direkt weiter
nach Senja.
Senja ist Norwegens zweitgrößte Insel, und sie hat, das merkt man schon nach den ersten Kilometern, zwei Gesichter. Zur Festlandseite hin ist sie sanft. Lichte Birkenwälder, grüne Täler, in denen irgendwo Kühe grasen könnten, kleine Höfe, die Insel wie ein Land im Kleinformat. Zur offenen See hin aber wird sie roh. Berge, die eben noch tausend Meter hoch waren, stürzen ohne Umweg ins Wasser, die Küste ist zerklüftet und zerrissen, als hätte etwas Großes mit den Krallen danach gegriffen. Dazwischen, in geschützten Buchten, kauern sich Fischerdörfer an den Fels, ein paar rote und weiße Holzhäuser, mehr nicht. Man nennt Senja gerne „Norwegen im Kleinen", und das trifft es ziemlich genau: alles ist da, nur dichter und näher beieinander. Wir fuhren die Küstenstraße entlang, das Meer mal stahlgrau, mal in diesem unwirklichen Türkis, das eigentlich in die Karibik gehört und nicht an den 69. Breitengrad, und über allem stand eine Sonne, die einfach nicht daran dachte, unterzugehen.
Von Senja aus ging es noch ein Stück weiter, hinüber nach Vesterålen, auf die Insel Langøya. Dort hatte ich mir für meinen Geburtstag, eine Hütte in Hovden gemietet, ganz im Norden der Insel, an ihrem äußersten Ende, dort wo die Straße aufhört und man nur noch geradeaus ins Meer fahren könnte. Hovden ist eines dieser Fischerdörfer, die man nicht durchfährt, sondern nur erreicht, wenn man es wirklich will. Ein paar weiße Holzhäuser, die sich in hügeligem Gelände aneinanderdrängen, dahinter kahle Berge, davor ein heller Sandstrand, an dem das Wasser in einem Blau liegt, das man dort oben nicht erwartet. Über dem kleinen Hafen hingen die hölzernen Gestelle, an denen im Winter der Kabeljau trocknet, jetzt leer, aber unübersehbar, wie das Skelett einer vergangenen Saison. Kein Supermarkt, kein Durchgangsverkehr, keine Ablenkung, nur Wind, Wasser und dieses Licht, das nachts genauso hell blieb wie am Nachmittag. Man hat das Gefühl, am Ende der Welt zu stehen, und gleichzeitig genau richtig zu sein.
Dort, an diesem verlassenen Zipfel Norwegens, lernten wir einen österreichischen Angler kennen, einen Mann, der um drei Uhr in der hellen Nacht allein mit seinem Kajak im Nordmeer unterwegs gewesen war, weil zu dieser Zeit offenbar die besten Fische bissen. Wir kamen ins Gespräch, wie man das eben tut, wenn weit und breit niemand sonst da ist, und irgendwann wurden aus ein paar Bieren mein Geburtstagsessen. Einen prächtigen Heilbutt und einen Dorsch. Ich hielt derweil mit wedelnden Armen die Möwen fern, die sofort witterten, dass es hier etwas zu holen gab, und bekamen am Ende auch ihren Teil: Die Reste, während wir mit den Filets zur Hütte zogen. Gegen einen Schwarm norwegischer Möwen wirkt selbst ein ausgewachsener Mensch plötzlich erstaunlich klein.
Am Abend gab es dann Fisch, direkt aus dem Backofen, weil der Heilbutt in keine Pfanne der Hütte passen wollte. Das Fleisch fiel in großen weißen Flocken auseinander, es roch nach Meer und nach nichts sonst, kein Gewürz hätte diesem Fisch etwas hinzufügen können, das er nicht schon selbst mitbrachte. Ich habe in meinem Leben in vielen Ländern Fisch gegessen. In kleinen Garküchen Asiens. Auf Märkten in Afrika. In Restaurants mit Sternen und ohne Namen. Aber dieser Heilbutt aus Hovden war der beste Fisch, den ich jemals gegessen habe. Nach dem Essen und Gisis fantastischem Marmorkuchen brauchte ich noch etwas Zeit für mich allein.
Ich fuhr ein Stück die Küste entlang, dorthin, wo ein kleines Leuchtturmhäuschen auf den Felsen stand, und setzte mich davor auf den Stein. Das Meer lag vor mir, weit und ruhig, und die Sonne schien mir direkt ins Gesicht, so tief und so warm, als wäre es sechs Uhr abends, dabei war es fast Mitternacht. Ich weiß nicht genau, was ich in diesem Moment gefühlt habe. Ich saß einfach nur da und schaute. Irgendwann begann ich, im Kopf nachzurechnen, wie viele Sonnenuntergänge ich wohl schon erlebt hatte, rechnerisch gut achtzehntausend, von denen ich die allerwenigsten überhaupt gesehen habe. Achtzehntausend letzte Strahlen, die irgendwo hinter einem Horizont verschwanden, immer mit diesem einen Moment, in dem man weiß: Jetzt ist es vorbei, jetzt kommt die Nacht.
Hier, an diesem Abend, passierte das einfach nicht. Die Sonne blieb stehen, ein Fingerbreit über dem Meer, und bewegte sich nur ganz langsam nach rechts, als würde sie seitwärts über den Horizont spazieren, anstatt darin zu versinken. Fast so, als wäre irgendwo im Getriebe der Welt ein Zahnrad hängen geblieben, als hätte das Universum für diesen einen Abend beschlossen, sich nicht weiterzudrehen. In diesem Moment sah ich nicht nur den Fünfzigjährigen auf dem Felsen, sondern auch den, der einmal losgegangen war, und den, der noch kommen würde - alles gleichzeitig, in diesem einen Licht.
Das Licht war golden, dieses tiefe, honigfarbene Gold, das nur die Mitternachtssonne hervorbringt. Es legte sich über die schroffe, felsige Landschaft, über das Wasser, über das kleine Häuschen neben mir – und weiter hinten, auf dem Friedhof am Ortsrand, über eine winzige Kapelle, die um diese Uhrzeit sonst wohl niemand sah. Auch sie stand in diesem Gold, so friedlich, als gäbe es zwischen Leben und Vergehen keinen Unterschied, nur dieses eine Licht, das beides gleichermaßen umarmte.
Ich dachte über mein Leben nach. Fünfzig Jahre. Eine Zahl, die auf einmal viel größer klang als neunundvierzig. Fünfzig Jahre voller Begegnungen, Entscheidungen, Umwege und Zufälle. Menschen waren gekommen und gegangen. Manche hatten tiefe Spuren hinterlassen, andere waren irgendwann aus meinem Leben verschwunden, ohne dass ich heute noch genau sagen könnte, wann. Ich dachte an die Wege, die ich gegangen war, und an die, die noch vor mir lagen. Das erste halbe Jahrhundert und dann dieser Felsen, dieses Licht, diese Stille.
Es brauchte in diesem Moment nichts weiter.
Während ich dort saß, empfand ich keine Traurigkeit. Keine Angst davor, älter zu werden. Ganz im Gegenteil. Ich empfand Dankbarkeit für alles, was ich bis hierhin erlebt habe. Ich hatte geglaubt, ich könnte diesen Tag verlängern. Doch dort, wo die Sonne 24 Stunden schien, verstand ich etwas anderes.
Unsere Zeit können wir nicht verlängern, aber wir können den einzelnen Tagen so viel Leben schenken, dass sie sich wie mehrere anfühlen.
Als ich nach zwei Stunden auf die Uhr schaute, merkte ich, dass mein Geburtstag schon lange vorbei war und ich mich bereits im einundfünfzigsten Lebensjahr befand. Ich fuhr zurück zur Hütte. Es war schon fast drei Uhr, alle schliefen längst, und trotzdem schien die Sonne noch immer mit diesem unglaublichen Licht durch die Fenster.
Weiter ging es auf die Lofoten, nach Reine, über diesen Ort muss man eigentlich nicht viele Worte verlieren. Reine ist das Postkartenmotiv schlechthin. Die roten traditionellen Fischerhütten, stehen direkt am Wasser, dahinter ragen die steilen, dramatischen Berge in den Himmel. Fast jedes Bild sieht so perfekt aus, dass man meinen könnte, jemand hätte die Landschaft für einen Reisekatalog arrangiert. Und doch ist sie echt. Reine gehört zu diesen Orten, die man schon unzählige Male auf Bildern gesehen hat und bei denen man trotzdem stehen bleibt, wenn man plötzlich selbst davorsteht. Manche Landschaften brauchen keine Geschichte. Sie erzählen sie ganz allein.
Unsere letzte Station lag noch weiter draußen, fast dort, wo Norwegen langsam im Atlantik verschwindet: Å, der Ort mit dem kürzesten Ortsnamen, ein einziger Buchstabe, der letzte im norwegischen Alphabet, der im Altnordischen schlicht „kleiner Fluss" oder „Bach" bedeutet.
Å liegt am äußersten Ende der E10, der einzigen Straße, die durch die Lofoten führt, und ist damit tatsächlich die letzte Adresse, bevor der Asphalt aufhört.Das kleine Fischerdorf wurde über Jahrhunderte vom Stockfischfang geprägt. Noch heute erinnern die alten Rorbuer, die Gestelle zum Trocknen des Fisches und die traditionellen Gebäude daran, dass hier draußen das Meer lange Zeit über das Leben der Menschen bestimmte.Wenn man auf dem Parkplatz parkt und Richtung Meer läuft, merkt man, wie das Land langsam im Atlantik zu verschwinden scheint, oder eher: wie es allmählich in ihn übergeht.
Rückblickend bleibt mir vor allem Hovden in Erinnerung: Der Felsen, das kleine Leuchtfeuer daneben, das Licht, das nicht weichen wollte.
Das Besondere an diesem Moment war nicht einmal das Licht selbst, sondern etwas anderes: ich wusste, während ich ihn erlebte, mit einer seltenen Sicherheit, dass ich ihn nie vergessen würde. Nicht im Nachhinein verklärt, nicht später zur Erinnerung geformt, sondern in dem Augenblick selbst schon als bleibend erkannt. Solche Momente sind selten. An meinen Dreißigsten kann ich mich kaum noch erinnern, an meinen Zwanzigsten schon gar nicht mehr, beide sind irgendwo im allgemeinen Rauschen der Jahre verschwunden.
Und genau hier auf diesem Felsen fasste ich einen Entschluss. Während ich auf das Meer hinausschaute und die Sonne mir um Mitternacht noch immer ins Gesicht schien, wurde mir klar, dass ich nicht nur diesem einen Tag mehr Leben schenken wollte. Ich wollte meinem Leben mehr Leben schenken. Ich wollte aus dem Karussell aussteigen, aus diesem immer gleichen Kreislauf von Alltag, Routinen und Verpflichtungen. Nicht, weil mein Leben schlecht war, sondern weil ich spürte, dass da draußen noch etwas auf mich wartete. Ich wollte meinen Job irgendwann an den Nagel hängen, den Blick wieder auf Neues richten und anfangen, Erlebnisse zu sammeln, statt die wirklich wichtigen Dinge immer auf irgendwann zu verschieben.
Das war mein Geschenk in dieser Nacht: Dieser raue Felsen am Meer, an dem ich beschloss, etwas zu verändern. Und ich wusste, dass ich noch lange zu ihm zurückkehren würde, auch wenn ich ihn nie wiedersehe.

















































